Wenn Korsika und der Libanon wie alte Bekannte tönen

Am Stimmen Festival Lörrach trifft die libanesische Sängerin Fadia Tomb El-Hage auf das korsische Vokalsextett A Filetta. Das Ergebnis überrascht: Die zwei Klangwelten ergänzen sich aufs Schönste. Fast könnte man meinen, sie hätten schon immer zusammengehört.

Eine schwarz gekleidete Frau mit langen blonden Haaren, umringt von sechs ebenfalls schwarz gekleideten Männern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zwei Welten, die sich so fremd nicht sind: Fadia Tomb El-Hage, umringt vom Vokalsextett A Filetta. Didier D. Daarwin

Das Meer trennt, das Meer verbindet aber auch. Für den mediterranen Raum gilt dies seit Jahrhunderten. Der Austausch zwischen Westeuropa, dem Nahen Osten und Afrika betraf dabei nicht nur den Handel, sondern auch die Wissenschaft und die Kultur.

Trotzdem haben sich in jeder Mittelmeer-Region eigene kulturelle Traditionen herausgebildet, nicht zuletzt beeinflusst durch die verschiedenen Religionen und Sprachen. Dies gilt für die Insel Korsika im ligurischen Meer genauso wie für den Libanon im Nahen Osten. Doch wo sind sie geblieben, die Gemeinsamkeiten? Wäre es nicht interessant, diese beiden Gegenden musikalisch einmal auf eine Bühne zu bringen?

Natürliche Gegensätze

Gesagt, getan. Das Stimmen Festival Lörrach konnte für seine diesjährige Ausgabe die libanesische Sängerin Fadia Tomb El-Hage und die korsische Vokalgruppe A Filetta verpflichten und einen musikalischen Dialog anstossen. Ein Unterfangen, das sich künstlerisch als einfacher und natürlicher erweisen sollte, als vielleicht gedacht.

«Ina Moussa», gesungen von Fadia Tomb El-Hage und A Filetta.

0:52 min, aus Weltklasse auf SRF 2 Kultur vom 29.07.2015

A Filetta pflegt mit seiner korsischen Vokalpolyphonie eine Satztechnik, die von bordunartigen Patterns geprägt ist, also von sich wiederholenden, suggestiven Begleitstimmen, die leicht kehlig gesungen werden. So rau und schön wie die Natur der Insel Korsika.

Die Gesangsstimme von Fadia Tomb El-Hage bildet dazu einen samtenen, geschmeidigen Kontrast, fliegt mühelos über den charaktervollen Männerstimmen, die ihr einen klingenden Teppich bereiten. Fast könnte man meinen, die Kombination sei nicht neu, sondern habe schon immer so existiert.

Berührende Momente

Die Intensität und Ausdrucksstärke von A Filetta beeindruckt. Das wird optisch auch dadurch verstärkt, dass die Sänger fast einen Kreis bilden und sich Schulter an Schulter zusammenschliessen. Eine kompakte Einheit, ein einziger Klangkörper, geerdet, verankert.

Fadia Tomb El-Hage ist dagegen so etwas wie ein singender, klagender Engel. Mit Leichtigkeit führt sie ihre Alt-Stimme, improvisiert und verziert virtuos, schwerelos, entrückt.

«Nani, nani», gesungen von Fadia Tomb El-Hage

3:20 min, aus Weltklasse auf SRF 2 Kultur vom 29.07.2015

Und wenn sie auf berührende Art auf der Bühne solo das Schlaflied «Nani, nani» singt, dann erfahren wir von ihr den wahren Grund, warum ihr diese Musik so nah ist: Sie sang das Lied wieder und immer wieder für ihre neugeborene Tochter. Um sie zu beruhigen, als rundherum die Bomben fielen im Zweiten Libanonkrieg. Nacht für Nacht.

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