Zu viele Worte schaden der Musik

In den Proben redet Dirigent Bernard Haitink kaum – auch nicht bei den Vorbereitungen des Lucerne Festivals, das er eröffnet. Wir haben den Grandseigneur getroffen. Und wurden Zeuge einer beruhigenden Autorität. Bald wird der 86-Jährige kürzer treten – und wieder nach London zurckkehren.

Ein Notenständer mit einem Bild darauf von Dirigent Haitink. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In Luzern verbrachte er die glücklichsten Jahre seines Lebens: Dirigent Bernard Haitink. Keystone/Matthias Willi

Zum Glück ist das Arbeitszimmer klimatisiert und weist die unbarmherzige Sommerhitze zumindest ein wenig in die Schranken – bei dieser Hitze könne man wirklich kaum denken, seufzt Bernard Haitink.

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Franca Pedrazzetti/LUCERNE FESTIVAL

Radio SRF 2 Kultur überträgt das Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals: Freitag, 14. August 2015, 19:30 Uhr

Das stattliche Anwesen, ein Bauernhaus mit mächtigem Giebeldach und ausgebauter Scheune, steht zwar unter Denkmalschutz. Doch es bietet hinter viel historischem Holz alle Annehmlichkeiten der modernen Innenarchitektur, die erwähnte Klimaanlage und einen Lift, der dem immerhin 86-jährigen Dirigenten das anstrengende Treppensteigen erspart.

Kein Fan von plakativen Witzen

Bernard Haitink hat das grosszügige Gehöft am Ufer des Vierwaldstättersees unweit von Luzern vor rund 15 Jahren erworben und mit seiner zweiten Frau Patricia zu einem geschmackvollen Hort der Gastlichkeit ausgebaut. Die Aussicht ist fast unwirklich schön – See und Berge liegen einem hier zu Füssen – Haitinks Blick aber, ruht auf den vor ihm liegenden Partituren der vierten Sinfonie von Gustav Mahler und der Haydn-Sinfonie «Il Distratto» («Der Zerstreute»).

«Il Distratto» hat Haitink im Gegensatz zu Mahlers Vierter noch nie dirigiert. Er sei ein bisschen nervös, gerade auch, weil diese Haydn-Sinfonie unter dem Etikett «Humor» firmiere, was diesen Sommer zwar das Motto des Lucerne Festivals ist, aber der plakative und geplante Witz sei eigentlich nicht seine Sache.

Dirigent Haitink bei seiner Arbeit: Er hat die Hände ausgestreckt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dirigent Bernard Haitink wurde 1929 in Amsterdam geboren. Peter Fischli

Reduktion auf das Wesentliche

Echte Komik entstehe doch spontan und aus der Situation heraus, wenn man das erst erklären müsse ... Da ist sie wieder, die Abneigung gegen zu viele Worte. Was nicht heisst, dass Bernard Haitink seiner Besucherin wortlos gegenübersitzt, noch, dass er selber ein humorfreier Mensch wäre. Er lacht viel in dieser knappen Stunde, öffnet sich mit grosser Liebenswürdigkeit, aber sagt auch, dass er gar nicht so viel sagen möchte – und kann. So vieles in der Musik lasse sich mit Worten nicht beschreiben.

Ist das die den Niederländern oft attestierte Zurückhaltung? Haitink ist einer, der mit Händen und Augen zu sprechen weiss. Wenn er den Kopf beim Nachdenken zur Seite neigt, sein Gesagtes mit eleganten und präzisen Gesten untermalt, dann ahnt man, wie er die besten Orchester weltweit in seinen Bann zieht: mit absoluter Konzentration und Reduktion auf das Wesentliche, mit einer natürlichen Autorität, die man hat oder eben nicht, und die sich in ihrer ruhigen, ja: be-ruhigenden Wirkung auf Musiker wie Publikum überträgt.

Ein Konzertsaal, keine Strafanstalt

Auch Simon Rattle schwärmt von der Entspanntheit seiner Berliner Philharmoniker, wenn sie zuvor von Bernard Haitink dirigiert wurden. Dabei kann Haitink, der langjähriger Chefdirigent des Concertgebouw Orchesters Amsterdam war und von der englischen Queen zum «Knight Commander» geadelt wurde, durchaus auch in Harnisch geraten. Etwa, wenn das Publikum unkonzentriert ist und es in seinem Rücken unkontrolliert hustet.

Da hätte er früher schon mal sehr streng in den Saal geschaut, Konzerte gar abgebrochen, was er heute, vielleicht doch ein wenig altersmild, nicht mehr tue. Das Publikum solle sich nicht fühlen, als sitze es in einer Strafanstalt.

Luzern ist besonders

Die Beziehung zwischen dem Luzerner Publikum und Bernard Haitink ist etwas ganz Besonderes, von gegenseitigem Respekt getragen. Die oft endlos wirkende Stille, die Haitink nach Aufführungen grosser Sinfonik im KKL erntet – ehe der Applaus losbricht – hat so vor und neben ihm nur Claudio Abbado erreicht.

Er vermisst den im vergangenen Jahr verstorbenen Freund, der wie Haitink seit Jahrzehnten eine feste Grösse des Lucerne Festivals war, weswegen er das von Abbado gegründete Orchester auch mit grosser Ehrfurcht dirigiert. Da könne er noch so weltberühmte Klangkörper geleitet haben, das hier sei ein besonderer Anlass. Besonders, und in gewissem Sinne auch mit einem leisen «Adieu».

Nachdem Bernard Haitink am Vierwaltstättersee die nach eigener Aussage vielleicht glücklichsten Jahre seines Lebens verbracht hat, in der ausgebauten Scheune regelmässig Kammerkonzerte für und mit Freunden veranstaltete, wird er voraussichtlich im Herbst die Schlüssel neuen Besitzern übergeben. Haitink wird mit seiner Frau nach London ziehen, wo sie einst unter ihm im Orchester gespielt und einige Jahre auch als Juristin gearbeitet hat: «Sie hat so viel für mich aufgeben», sagt Bernard Haitink mit milde melancholischem Blick, «jetzt ist sie einfach mal dran und ich trete kürzer».

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Parlando, 16.08.2015, 16:03 Uhr

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