Wie Europäer die Filmmusik nach Hollywood brachten

Ein neues Buch macht deutlich: Europäische Komponisten haben die amerikanische Filmmusik erfunden – und bis in die 1950er-Jahre hinein stark geprägt. Stargeiger Daniel Hope verfolgt in «Sounds of Hollywood» die Spuren bekannter jüdischer Komponisten, die vor den Nazis in die USA flohen.

Ein Auto fährt auf einer Strasse, dahinter an einem Hügel gross der Schriftzug: "Hollywoodland" (s/w). Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Buchstaben dienten damals noch als Werbung, um das Land zu verkaufen: Die Hollywood Hills in den 1930er-Jahren. Getty Images

«Keine Hure liebt je ihren Freier, und sie will ihn so schnell wie möglich loswerden, sobald sie ihre Dienste bereitgestellt hat. Das ist mein Verhältnis zu Hollywood. Ich bin die Hure.» In den Worten des Komponisten Kurt Weill schwingen sowohl Ärger wie auch Enttäuschung mit – kurz zuvor wanderte seine Partitur zum Film «The River is Blue» bis auf eine einzige Nummer in den Papierkorb. Und auch seine zweite Filmmusik wird ein Flop.

Der Mozart des 20. Jahrhunderts

Hollywood will Kurt Weill nicht, den Komponisten, der kurz zuvor mit seiner «Dreigroschenoper» halb Europa erobert hat. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Komponisten, die kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Los Angeles fliehen: Miklós Rózsa aus Ungarn oder Franz Wachsmann aus Deutschland. Hollywood will sie, denn sie beherrschen, was das florierende Hollywood braucht: sinfonische Filmmusik im Stile von Richard Wagner, Gustav Mahler und Richard Strauss.

Ein Meister dieser Disziplin ist Erich Wolfgang Korngold. «Mozart des 20. Jahrhunderts» wurde er genannt in seiner Heimat Wien, wo er mit 23 Jahren einen Riesenhit mit seiner Oper «Die Tote Stadt» landete. Doch der aufkeimende Nazismus jagt den jüdischen Komponisten ins Exil nach Los Angeles. Er hofft, dort an seinen Erfolgen anknüpfen zu können, mit neuen Sinfonien und Opern. Doch in Los Angeles gibt es keinen Platz für diese Musik – noch nicht mal ein Opernhaus.

Der Erfindung der Filmmusik

Aber dafür gibt es Hollywood. Und das bedeutet für Komponisten: musikalische Fliessbandarbeit, wenig Platz für Experimente und ständiger Druck. Erich Wolfgang Korngold schafft den Durchbruch in der Traumfabrik (inklusive zwei Oscars), seine Filmmusik klingt wie grosse romantische Opern ohne Gesang. Und doch komponiert er sie nicht aus Leidenschaft, sondern aus Not, um Geld zu verdienen.

Ganz anders Max Steiner. Auch er Immigrant, geflohen während des Ersten Weltkriegs. Der Österreicher brennt für die Filmmusik und erfindet 1932 für «Symphony of Six Million» das so genannte «Underscoring»: Die Musik verstärkt die Handlung und die Emotionen im Bild. Eine Revolution, denn bis dahin hatte Musik im Film kaum Platz – höchstens im Vor- und Abspann oder wenn im Film tatsächlich ein Orchester oder ein Musiker zu sehen war.

Geschichten, die ans Herz gehen

Korngold und Steiner – zwei völlig unterschiedliche Antriebe, zwei Erfolgsstories, denen der englisch-südafrikanische Geiger Daniel Hope je ein Kapitel widmet in seinem Buch «The Sounds of Hollywood – wie Emigranten aus Europa die amerikanische Filmmusik erfanden». Der Geiger hat die Spuren von Franz Waxman, Werner Richard Heymann, Friedrich Hollaender oder Hanns Eisler vor Ort verfolgt.

Er durchstöbert Hollywood-Archive, besucht Zeitzeugen und Nachfahren, schöpft aus der Forschung der Musikwissenschaft. Die Erkenntnisse scheinen ihn zu berühren, die Sprache im Buch aber zeigt das nicht: Eine journalistisch-nüchterne Schreibe führt die Lesenden durch die Anekdoten und Biografien. Und doch: Die Geschichten, die Daniel Hope zusammenträgt, gehen ans Herz.

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Buchhinweis

Daniel Hope & Wolfgang Knauer: «Sounds of Hollywood. Wie Emigranten aus Europa die amerikanische Filmmusik erfanden», Rowohlt, 2015.

Filmmusik ohne Immigration klänge anders

Denn nicht alle konnten sich arrangieren mit der Neuen Welt. Schwer hatten es Avantgarde-Komponisten wie Arnold Schönberg, die sich von den schwelgenden Klängen der Spätromantik längst verabschiedet und einem neuen Klang gewidmet haben, der Atonalität etwa. Für sie war Filmmusik «künstlerischer Selbstmord». Aber auch ein Arnold Schönberg fand Arbeit dank der Traumfabrik: als Lehrer von Filmkomponisten.

Ob freiwillig oder unfreiwillig – klar ist: Hollywood hat profitiert vom grossen Exodus aus Europa. Und die Filmmusik würde heute ohne die talentierten, europäischen Emigranten anders klingen.

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