Wie geflüchtete Musiker in Berlin neuen Fuss fassen

Endlich wieder musizieren: Die Universität der Künste Berlin hat mit Freiwilligen eine Anlaufstelle für geflüchtete Musiker ins Leben gerufen. Die Workshops vermitteln praktische Fähigkeiten, damit die Musiker im neuen Land selbständig arbeiten können.

Silhouette eines Gitarrenspielers. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wer in einem neuen Land von Musik leben will, muss verstehen, wie der Markt funktioniert. Getty Images

80 Teilnehmer standen vor der Tür, als das Projekt «Refugee Class» im Februar 2016 startete. Das Interesse hält bis heute an: Bereits findet der dritte Workshop für geflüchtete Musiker statt. Der Fokus liegt auf Professionalisierung und Selbstmanagement, Unterrichtssprache ist Englisch.

Geld verdienen mit Musik

Workshop-Leiter Leo spricht über die Nutzung sozialer Netzwerke. Und er erzählt von seinen eigenen Erfahrungen im Musikgeschäft: Leo hat das Debütalbum seiner Band Il Civetto erfolgreich mit Crowdfunding finanziert. In seinem Workshop stehen denn auch praktische Themen im Mittelpunkt. Denn die geflüchteten Musiker wollen so schnell wie möglich ihr eigenes Geld verdienen.

Initiator Felix Gebauer hat diese Bedürfnisse berücksichtigt: «Wir lehren hier Fähigkeiten, um in einem extrem harten Musikmarkt wie Berlin zu bestehen. Da geht es zum Beispiel um Regeln für musikalische Darbietungen in der U-Bahn, aber auch um technische Themen: wie sich Musiker in den sozialen Medien bewegen, vernetzen und bekannt machen können.»

Feministischer Rap aus Afghanistan

Unter den Teilnehmern sind fast nur männliche geflüchtete Musiker. Doch in einer Ecke sitzen eine Musikerin und ein Musiker. Sie scheinen ein Paar zu sein. Die Frau stellt sich als Sängerin von 143 Band vor. Sie nennt sich Paradise und kommt aus Afghanistan. «Ich mache Hip-Hop», sagt sie. «Für mich ist es sehr wichtig, hier Kontakte mit anderen Musikern zu knüpfen und mehr über neue Herangehensweisen zu erfahren.»

Mit Gewalt antworteten die afghanischen Fundamentalisten auf die feministischen Rap-Texte von Paradise. In ihren Augen ist sie als Sängerin eine Prostituierte. «Wir hatten wirklich enorme Probleme mit unserer Musik in Afghanistan. Deshalb sind wir geflüchtet», erzählt ihr Partner Diverse.

Alles ist neu

Mehrmals wurden sie angegriffen und geschlagen, als sie in der Untergrundszene der Hauptstadt Kabul Musik gemacht hatten. «Für uns ist hier alles ganz neu: die Menschen, die Universität und die Musikszene», sagt Diverse. «In diesem Kurs möchte ich mehr erfahren über neue Musiktendenzen hier in Berlin, über Crowdfunding und wie ich mich als Band professionell präsentieren kann.»

Paradise und Diverse sind seit zehn Monaten in Berlin. Inzwischen haben sie hier ein kleines Studio gefunden. Aus Sicherheitsgründen verraten sie ihren richtigen Namen nicht. «Wir sind ein Paar und wir wollen mit unserer Musik Liebe und Frieden verbreiten, das ist gerade in Afghanistan so wichtig», sagt Diverse.

Paradise fügt hinzu: «Ein Mädchen darf in Afghanistan nicht einmal ihren Vater küssen.» Deshalb wollen die beiden Musiker überall zeigen, wie wichtig Liebe ist. Ausserdem kämpfen sie gegen Frauengewalt und für die Schulbildung von Frauen.

Von Künstlern für Künstler

Die Teilnehmer präsentieren ihre Websites und holen sich Rat von Workshop-Leiter Leo. Deshalb ist auch Accad AlSaed aus Syrien hier. Als klassischer Musiker will er herausfinden, wie er seine Musik unter die Leute bringen kann. Perkussionist Salam aus Syrien will wissen, wie er in den sozialen Netzwerken Interessierte für seinen Kurs «Bau von Cajons» finden kann.

Initiator Felix Gebauer denkt schon an neue Projekte mit geflüchteten Musikern: «Ich will in Zukunft Angebote schaffen, in denen Berliner Künstler und geflüchtete Künstler aufeinander treffen.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 11.5.2016, 17.20 Uhr.