Buch zum Darknet Die Behörden tappen beim Darknet im Dunkeln

Der Journalist Otto Hostettler war zwei Jahre im Darknet unterwegs. Er hat ein erschreckendes Buch darüber geschrieben.

Laptop-Tastatur, auf der zwei Hände tippen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Angebot an illegalen Waren und Dienstleistungen im Darknet ist erschreckend. Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Darknet ist ein verborgener Teil des Internets. Das Netzwerk bietet ein höheres Mass an Sicherheit.
  • Damit können zum Beispiel Menschenrechtsaktivisten anonym Informationen verbreiten. Genutzt wird es aber auch für illegale Aktivitäten wie Waffen- und Drogenhandel.
  • Der Journalist Otto Hostettler hat zwei Jahre im Darknet recherchiert und ein Buch darüber geschrieben.
  • Erschreckend findet er nicht nur das Angebot an illegalen Waren und Dienstleistungen, sondern auch die Inaktivität der Schweizer Behörden.

Über eine normale Suchmaschinen-Abfrage lässt sich der Tor-Browser leicht finden. Mit geringen Computerkenntnissen wird er installiert. Schon ist man im Darknet.

Wer sich darin bewegt, hinterlässt keine Spuren, weil bei der Kommunikation über Tor alle Daten mehrfach verpackt sind und jede Verpackung einzeln verschlüsselt wird. Ab den Nullerjahren entstanden und einst von der US-Navy unterstützt, hat sich das Darknet zu einer Parallelwelt entwickelt.

Darknet nützt der Demokratie

«So können beispielsweise Systemkritiker, Menschenrechtsaktivisten und Whistleblower vollständig anonym Informationen verbreiten, mit Tor können sie ihren Standort gänzlich verschleiern», schreibt der «Beobachter»-Journalist Otto Hostettler in seinem Buch «Darknet, die Schattenwelt des Internets».

Das nützt der Demokratie. Denn der Datenverkehr im offenen Internet wird von Behörden und Geheimdiensten überwacht. Die Verschlüsselung wird jedoch auch zu kriminellen Zwecken genutzt.

Darknet

Mit den üblichen Suchmaschinen findet man schätzungsweise nur vier bis 35 Prozent aller existierenden Webseiten. Mindestens zwei Drittel der rund einer Milliarden Webseiten sind für normale Internetnutzerinnen und -Nutzer also nicht sichtbar. Das ist das sogenannte «Deep Web», das «tiefe Netz». Ein Teil davon ist das «Darknet», das sich nur mit dem Internetbrowser «Tor» einsehen lässt.

Radioaktive Stoffe und Anleitungen zum Bombenbau

Zwei Jahre hat Otto Hostettler im Darknet recherchiert und das Angebot der dortigen Marktplätze gesichtet. In Online-Shops, die normalen Internet-Läden gleichen, fand er neben Waffen, gefälschten Markenartikeln und Identitätsdokumenten zum Beispiel: «Zugänge zu gehackten Konten, Falschgeld, gehackte Software, fertig programmierte Phishing-Seiten, Hacking-Tools oder auf Kundenbedürfnisse zugeschnittene Schad-Software und Spionagesoftware».

Feilgeboten werden auch radioaktive Stoffe, Sprengstoff und Anleitungen zum Bombenbau. Ein Anbieter verkaufte «Einschüchterungen und Anschläge auf Menschen», auf Wunsch mit bleibenden Körperschäden bei der Zielperson.

Behörden haben keine Vorstellung vom Darknet

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Buchhinweis

Otto Hostettler: Die Schattenwelt des Internets. NZZ Libro, 2017.

«Solche fragwürdigen Angebote werden in Medien oft als Inbegriff des Darknets dargestellt. In Wahrheit sind sie die absolute Ausnahme. Auf neun Marktplätzen, die (…) analysiert wurden, dominieren klar die Anzahl Angebote im Bereich Drogen und Medikamente.»

Auch wenn es die Ausnahme ist: Das Angebot an illegalen Waren und Dienstleistungen ist erschreckend. Erschreckend ist laut Hostettler auch: «Polizisten und Staatsanwälte haben teilweise schlicht keine Vorstellung, was sich hinter dem Begriff Darknet verbirgt.»

Kommt dazu: Die Behörden haben zu wenig Personal. Die nationale Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität verfügt bloss über zehn Stellen. Diese haben Tausende von Phishing- und Hacking-Meldungen zu bewältigen, verdeckt auf Chatplattformen zu ermitteln und nach Kinderpornografie zu fahnden. Hunderte von Strafanzeigen bleiben offenbar unbearbeitet – weil Personal und Knowhow fehlen.

Buch als Weckruf an die Behörden

In der Schweiz hemme der Föderalismus den Austausch zwischen Bundesbehörden und kantonalen Polizeikorps, schreibt Hostettler. Und weil die Politik den Schwerpunkt auf Ermittlungen zur Pädopornografie legt, werde kaum zu illegalen Substanzen und Vermögensdelikten ermittelt.

Die Lösung sieht Hostettler in verstärkter internationaler Zusammenarbeit, in der besseren Vernetzung der Behörden innerhalb der Schweiz und im Ausbau der personellen Kapazitäten.

Otto Hostettlers gut lesbares Buch sollte ein Weckruf an die Behörden sein, endlich auch das verborgene Internet in die Polizeiarbeit einzubeziehen. Denn «zu tatsächlichen Ermittlungen im Darknet» sei «es in der Schweiz bisher praktisch gar nicht gekommen».

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 30.05.2017, 06:50 Uhr