Die Macht der Bilder: Obama und sein Hof-Fotograf

Anlässlich seiner zweiten Amtseinführung zur Präsidentschaft werden zahllose Bilder von Barack Obama in den Medien zu sehen sein. Der US-Präsident ist nicht nur der mächtigste Mann der Welt, sondern wohl auch einer der meistfotografierten. Die Macht der Bilder weiss er sehr wohl zu nutzen.

Barack Obama telefoniert auf dem Rücksitz eines geräumigen Wagens. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Barack Obama am Autotelefon, März 2012. Das Bild hat den Flair eines Schnappschusses, ist aber ein offizielles Foto. Keystone

Barack Obama sei wirklich so, wie er sich öffentlich gebe, sagte der deutsche Journalist Christoph von Marschall, Autor des Buches «Der neue Obama». «Nur ein Gesicht», habe Obama, sagt Christoph von Marschall. Und dieses Gesicht, dieses Bild ist öffentlich.

Diese Bilder von Obama, der sich gerne privat inszenieren lässt, kann man in grosser Auswahl online betrachten, auf der Webseite von Pete Souza, dem Chef-Fotografen des Weissen Hauses und von Barack Obama. Souza, Jahrgang 1954, begleitet den  US-Präsidenten mit der Kamera seit 2005, als Obama Senator des Bundesstaates Illinois wurde.

Inszenierte Authentizität

Pete Souza darf hinter den Kulissen fotografieren – und hilft mit bei einer wohlkalkulierten Inszenierung der Wahrhaftigkeit auf der Bühne Welt.

Noch nie zuvor ist ein US-Präsident so medienbewusst vorgegangen, Obama überlässt nichts dem Zufall und hat nur einen auserkoren, der zentral alle Medien bestückt. Im Bildarchiv der Fotoagentur «Keystone» zum Beispiel findet man fast ausschliesslich Bilder von Pete Souza.

Die Medien publizieren viele dieser «privaten» Bilder, denn sie wirken volksnah und zeitgeistig aufgeschlossen, offenherzig und transparent. Aber natürlich geht’s bei dieser intensiven Belieferung der Öffentlichkeit mit Fotos durch das Weisse Haus darum, zu kontrollieren, welche Bilder die Medien verbreiten.

«Der Mensch Obama»

Pete Souza zeigt Obama als Archetyp, in symbolträchtigen Situationen: Er ist sportlich beim Liegestützen, legt im Büro die Füsse auf dem Tisch, spaziert mit dem Familienhund. Souza hat das Fahrstuhlphoto geschossen, wo der Präsident als Gentleman seiner Frau Michele das Jackett übergehängt hat. Er zeigt ihn im ungezwungenen Freizeitlook, als familienfreundlichen Schwimmer mit Tochter, als gravitätischen Feldherr im «Situation Room» des Weissen Hauses, wenn Obama als Oberbefehlshaber der stärksten Armeemacht der Welt amtiert.

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Buchhinweis

Christoph von Marschall: Der neue Obama. Was von der zweiten Amtszeit zu erwarten ist. Orell Füssli, 2012.

Er stellt ihn dar als den Fels in der Brandung bei Orkanopfern, die er gerne schon mal in den Arm nimmt. Mit Rollkoffer am Handy auf dem Flughafen tritt Barack Obama als dynamischer Business-Mann auf. Als Silhouette im Gegenlicht in Nelson Mandelas einstiger Zelle in Südafrika, zeigt ihn Souza als nachdenklichen Staatsmann.

PR-Inszenierung und Wirklichkeit

Bei Journalisten, die nicht «embedded» sind, nicht rundum betreut und kontrolliert, findet man öfters auch einen müden, humorlosen, verbissenen, wütenden, grauen Präsidenten. Das ist in Anbetracht des Amtes nicht verwunderlich und wäre vielleicht ehrlicher.

Einerseits gibt es also die situationsgerechteren Bilder des wahren Obama auf dem freien Markt, andererseits die sehr ästhetische, perfekte, gelenkte Obama-Inszenierung seines Cheffotografen Pete Souza. Zusammen sind sie ein hochinteressantes Schaustück moderner Hagiografie.

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