Zum Inhalt springen

Folgen des Gletscherschwundes Wenn die Bach-WG auf dem Trockenen sitzt

In vielen alpinen Bächen fliesst Gletscherwasser. Was passiert mit den Wassertierchen, wenn die Gletscher zurückgehen?

Legende: Audio Bedrohte Kleinstlebewesen im Gletscherbach abspielen. Laufzeit 06:58 Minuten.
06:58 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 08.09.2018.

Im Engadiner Val Roseg fliesst, strömt und tropft es überall. Zwei Gletscher hinten im Tal, der Tschierva und der Roseg, speisen dutzende Bäche. An den Seitenkämmen des Tals kleben kleine Eisfelder, die ihren Teil Schmelzwasser beisteuern.

Blick ins Val Roseg. Am Ende des Tals ist der Roseg-Gletscher zu sehen.
Legende: Blick ins Val Roseg. Am Ende des Tals ist der Roseg-Gletscher zu sehen. Thomas Häusler

Trockene Bäche im Winter

«Die Gewässer verändern sich im Verlauf des Tages und der Jahreszeiten», sagt Amael Paillex. Der Ökologe leitet ein Forschungsprojekt der Eawag, Link öffnet in einem neuen Fenster («Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz»), dem Wasserforschungsinstitut des Bundes.

Im Frühling schwellen die Gewässer durch die Schneeschmelze an, im Sommer werden sie von Gletschern und starken Regenfällen gespiesen.

Doch im Winter trocknen viele Bäche aus; vor allem jene, die von Gletschern genährt werden. Ist hingegen Wasser aus dem Berg die Quelle, kann ein Bach das ganze Jahr über fliessen.

Bildvergleich

Regler nach links verschieben Regler nach rechts verschieben
Legende:Roseg- und Tschierva-Gletscher früher und heuteWenn die Gletscher schmelzen, könnte auch die Artenvielfalt von Kleinstlebewesen in Gletscherbächen zurückgehen. © swisstopo

In den kleinen Bächen der Alpen leben vor allem die Larven von allerlei Insekten. Sie haben sich an die Veränderungen angepasst.

In ein paar Jahrzehnten aber werden etwa 70 Prozent des Gletschereises verschwunden sein, im Sommer wird es in den Alpen 20 bis 30 Prozent weniger regnen.

Ob die Organismen diese trockeneren Verhältnisse meistern werden, sei fraglich, sagt Amael Paillex.

Ein Plastikrohr in einem Bachbett.
Legende: Sensoren zeichnen rund um die Uhr auf, ob in einem Bachbett Wasser fliesst oder nicht. Thomas Häusler

Noch trockenere Perspektiven

«Wir wollen heute aus zwei Bächen Proben entnehmen», sagt Amael Paillex. Er und sein Team werden Wasserinsekten einfangen und die Vegetation in den Bächen ernten. Diese ernährt viele Bachbewohner.

Paillex’ Team hat das Val Roseg ausgesucht, weil die Eawag dort seit Jahren die Gewässer untersucht: Die Forscher sind vertraut mit den Ökosystemen im Tal. Insgesamt studieren sie dort 30 Bäche und Rinnsale. Wassersensoren zeichnen rund um die Uhr auf, ob Wasser fliesst oder nicht.

Der erste Bach, in dem die Forscher ihre Proben nehmen, ist etwa einen Meter breit und plätschert ruhig durch eine Alpmatte. Ein Mitarbeiter des Teams steigt in den Bach und wirbelt die Bachkiesel mit der Hand durcheinander, um die Tierchen im Sediment freizusetzen. Er fängt sie mit einem speziellen Netz auf. Im Fang sind zum Beispiel Larven der Steinfliege.

Mücken und Strudelwürmer

Die Forscher müssen die Insekten rasch sortieren, sonst fressen die Räuber die Pflanzenfresser auf. So wäre die «Volkszählung» im Bach nicht mehr akkurat.

Um zu wissen, wie viel pflanzliche Nahrung den Tieren im Gewässer zu Verfügung steht, bürsten die Forscher Algen von den Steinen.

Ein Mann fasst mit einer Pinzette in einen Behälter mit Wasser und Steinen.
Legende: Amael Paillex sortiert die Tiere, die im Bach gefangen wurden. Sie müssen schnell getrennt werden, weil sonst die Räuber die Pflanzenfresser fressen. Thomas Häusler

All dies gibt den Wissenschaftlern einen Überblick über das Leben in einem Bach. Zum Beispiel zeigt sich an diesem Morgen bereits ein Muster, erklärt Teamleiter Amael Paillex: Der erste Bach, der von einem Wassermix aus Gletscher und Fels gespiesen wird, ist bewohnt von einer vielfältigen Truppe aus Steinfliegenlarven, Eintagsfliegen, Mücken und Strudelwürmern.

Ein Mann steht mit einem Netz in einem Bach. Dahinter Berge.
Legende: Andre Siebers fängt die Bewohner des Bachs ein: vor allem Insektenlarven. Thomas Häusler

Ein anderer Bach aber, der sein Wasser nur von einem kleinen Gletscher bekommt und öfters austrocknet, beherbergt viel weniger Arten.

Die Folgen gehen über den Bach hinaus

Amael Paillex fürchtet, dass dieses Schicksal künftig immer mehr Bäche trifft, wenn die Gletscher weiter abschmelzen.

Da viele der betroffenen Insekten nur in den Alpen vorkommen und bereits jetzt bedroht sind, könnten einige Arten aussterben – mit möglichen weiteren Folgen: Viele der Insektenlarven leben als ausgewachsene Tiere an Land und in der Luft und sie sind Futter für andere Insekten, Spinnen und Vögel.

Ein Mann untersucht Insekten.
Legende: Benjamin Misteli vom Forschungsteam der Eawag sortiert abends die Tiere, die tagsüber im Bach gefangen worden sind. Thomas Häusler

Wenn künftig vermehrt Bäche austrocknen, wird das wohl eine Kaskade an Folgen nach sich ziehen. Und das nicht nur im Val Roseg, sondern auch anderswo in den Alpen.

1 Kommentar

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Urs Lauper (Urs Lauper)
    Logisch geht diese Geschichte für mich nicht auf: Das Schmelzen der Gletscher müsste doch die Bäche speisen und das Problem zumindest auf Jahrzehnte entschärfen resp. hinausschieben, weil der Klimawandel die Bäche speist. Würde es kälter, wie in den 1970-er Jahren prognostiziert, wäre wegen der fehlenden Schmelzwässer das Problem ausgetrockneter Bergbäche weit grösser und diese Feldforschung eher gerechtfertigt. Unter den aktuellen Prognosen sehe ich wenig Sinn in dieser Forschung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten