Machtmissbrauch an Hochschulen Wenn der Professor seine Stellung ausnutzt

Doktorierende sind abhängig von ihrer Professorin oder ihrem Professor. Vor deren Fehlverhalten müssen sie deshalb besser geschützt werden.

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Bildlegende: Professoren haben grossen Einfluss auf die Karriere ihrer Doktorierenden – manchmal zu viel. Getty Images

  • Nach dem Mobbingfall an der ETH Zürich ist ein neuer Fall an der Universität Basel bekannt geworden.
  • Eine wichtige Ursache für Probleme ist mangelnde Führungskompetenz mancher Professorinnen und Professoren.
  • Unabhängige Ombudspersonen an den Universitäten haben eine wichtige Funktion.

Eine Astrophysik-Professorin der ETH Zürich hat über Jahre Doktorandinnen und Postdocs gemobbt. Betroffene berichten von verbalen Angriffen, von häufigen Tränen, von unmenschlichen Arbeitszeiten und Sitzungen bis tief in die Nacht.

Bekannt gemacht hat den Fall die «NZZ am Sonntag». Mittlerweile hat die ETH-Leitung die Professorin in ein Sabbatical geschickt und eine Administrativuntersuchung eingeleitet.

Auch Missbrauch in Basel

Recherchen des Wissenschaftsmagazins von SRF haben einen weiteren Fall an der Universität Basel aufgedeckt, in dem ein Professor seine Macht gegenüber zwei Doktorandinnen mutmasslich missbraucht hat.

Machtmissbrauch an der Uni – was bisher geschah

4:22 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 23.10.2017

Der schwerste Vorwurf lautet, der Professor habe Inhalte aus der unveröffentlichten Lizenziatsarbeit seiner Doktorandin in einer eigenen Arbeit verwendet, ohne dies gebührend transparent zu machen. Salopp ausgedrückt: Er hat sich mit fremden wissenschaftlichen Federn geschmückt. Einer zweiten Doktorandin passierte ähnliches.

Gericht gibt Professor teilweise recht

Die Universitätsleitung stufte die Verfehlungen des Professors als so gravierend ein, dass sie seine Entlassung einleitete. Dieser legte Rekurs ein und zog später vor das Appellationsgericht des Kantons. Das Gericht hat sein Urteil vor einem Jahr anonymisiert im Internet veröffentlicht, aber dies blieb bis jetzt unentdeckt.

Das Gericht hat dem Professor teilweise recht gegeben. Es äussert sich nicht direkt darüber, ob seine Verfehlungen eine Entlassung rechtfertigten oder nicht. Aber es wirft der Universitätsleitung vor, sie habe sich auf eine vorläufige Einschätzung abgestützt, statt ein vollständiges Gutachten einzuholen. Gegenüber SRF will die Universität Basel den Fall nicht kommentieren, es handle sich um ein laufendes Verfahren.

Karriere hängt von Professor ab

Die Fälle aus Basel und Zürich sind etwas unterschiedlich gelagert. Im Basler Fall steht wissenschaftliches Fehlverhalten des Professors im Vordergrund, im Zürcher Fall Mobbing.

Aber beide Fälle zeigen: Doktorandinnen und Doktoranden sind sehr abhängig von ihren Chefs, weil diese nicht nur die Forschung finanzieren, sondern auch die Doktorarbeit bewerten. Nach einer schlechten Bewertung ist eine akademische Karriere kaum möglich.

Uni Zürich setzt auf mehrere Betreuungspersonen

An diesem Punkt setzt ein Vorschlag an, wie man Jungforscher besser schützen könnte: Doktorierende sollen von ihrem Chef betreut werden, die Bewertung aber macht ein anderer Professor. So ist es in angelsächsischen Ländern üblich.

Mehrere Betreuungspersonen setzen auch einige Institute der Universität Zürich ein. Deren Rektor Michael Hengartner möchte das Prinzip auf die ganze Hochschule ausdehnen.

Mangelnde Führungskompetenz

Mehrere Akteure der Hochschullandschaft betonen gegenüber SRF: Häufige Ursache für Konflikte zwischen Professoren und ihren Angestellten ist die mangelnde Führungskompetenz der Chefs. Sie würden wegen ihrer exzellenten Forschung angestellt, ihre Fähigkeiten zur Führung seien oft nicht im Fokus.

In Teilen Skandinaviens müssen neu angestellte Professoren Führungskurse besuchen. Dies könnte ein Modell für die Schweiz sein.

Stellung von Doktorierenden kann verbessert werden

Es gibt weitere Möglichkeiten, um die Situation zu verbessern und die Stellung von Doktorierenden zu stärken:

  • Die Universitäten definieren klar, welche Rechte und Pflichten Professoren und Jungforscher haben. Die Universität Lausanne zum Beispiel hält diese in einer Charta fest.
  • Jungforscher mit Doktortitel werden vermehrt unabhängig von einem Professor angestellt. Solche so genannten Mittelbaustellen haben Schweizer Universitäten eher abgebaut. Der Schweizer Nationalfonds finanziert mit einem Programm Forschungsprojekte solcher Wissenschaftler.
  • Die Hochschulen richten unabhängige Stellen ein, die betroffene Jungforscher einschalten können. Manche Hochschulen haben bereits solche Ombudspersonen.

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