Vorurteile weltweit Wen möchten Sie als Nachbarn haben – und wen nicht?

Jeder Mensch hat Vorurteile. Doch es ist gar nicht so leicht, diese zu erfassen. Forscher haben es versucht – mit einer weltweiten Befragung zum Thema Nachbarschaft.

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Bildlegende: Nachbarn sind uns nahe – gerade darum zeigen sich in unserer Beziehung zu ihnen Vorurteile. Photocase/claudiarndt

  • Mit der Frage, wen man sich als Nachbarn wünscht oder nicht, versuchen Forscher Vorurteilen auf die Spur zu kommen.
  • Die globale Befragung «World Values Survey» zeigt: Nicht in allen Ländern herrschen die gleichen Vorurteile.
  • Eine umstrittene These besagt, dass Vorurteile mit der wirtschaftlichen Lage zusammenhängen.

Ein Fussballer als Nachbar

«Die Leute finden ihn als Fussballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.» So äusserte sich der AfD-Politiker Alexander Gauland im Frühling gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Fans auf einer Tribüne halten ein Banner auf dem steht: "Jérôme sei unser Nachbar!" Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Zeichen gegen Vorurteile: Fans solidarisieren sich mit Jérôme Boateng. Keystone

Die Bemerkung war eine Beleidigung für den deutschen Nationalspieler Jérôme Boateng. Und sie unterstellte, Deutsche hätten grundsätzlich etwas gegen Menschen anderer Hautfarbe. Entsprechend heftig reagierten Fans und Öffentlichkeit.

Tür an Tür mit unseren Vorurteilen

Die Aussage, dass Leute sich gewisse andere Menschen nicht als Nachbarn wünschen, bringt Vorurteile allerdings auf den Punkt. Denn genau mit dieser Frage versuchen Forschende, Vorurteile wissenschaftlich zu fassen.

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Beitrag zum Thema

Wie lässt sich anschaulich vermitteln, dass wir alle Vorurteile haben oder vielleicht rassistisch sind? Antworten darauf gibt ein wegweisendes Experiment einer US-amerikanischen Primarlehrerin aus den 1960er-Jahren.

Sie tun dies im Rahmen des «World Values Survey», einer Befragung zu den Wertvorstellungen und Weltanschauungen von Menschen aus der ganzen Welt. Die Befragten müssen dabei aus einer Liste Menschen jener Gruppierungen wählen, mit denen sie nicht Tür an Tür wohnen wollen.

Minderheiten eher betroffen

«Die Frage eignet sich gut, um Vorurteile in der Bevölkerung abzufragen», meint die Psychologin Mary Kite von der Ball State University in Indiana, USA. Sie beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Vorurteile, also damit, dass wir andere Menschen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit beurteilen.

Jeder Mensch hat latente Vorurteile, das gehört offenbar zum Menschsein dazu. Und überall auf der Welt sind Minderheiten eher mit Vorurteilen konfrontiert als Mehrheiten.

Andere Länder, andere Vorurteile

Allerdings gebe es bei Vorurteilen zum Teil deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern, so Kite. Als Beispiel hier ein Vergleich von Resultaten aus der Schweiz und Indien:

Abgelehnte Nachbarn: Diese Antworten auf die Frage, wen man nicht als Nachbarn möchte, stammen aus der Erhebung des «World Values Survey» von 2005 - 2009. Es ist die aktuellste Erhebung, an der die Schweiz beteiligt war. Lesebeispiel: Gut 64 Prozent der Befragten in der Schweiz möchten keine Drogensüchtigen als Nachbarn haben.

Es gibt im «World Values Survey» die Option, Personen einer anderen ethnischen Zugehörigkeit als unerwünschte Nachbarn anzugeben. Basierend darauf hat ein amerikanischer Journalist vor einigen Jahren eine Weltkarte der rassistischsten Länder erstellt.

Vorurteil oder soziale Norm?

Solche Vergleiche rufen hingegen auch Widerspruch hervor. Denn mit der «Nachbar-Frage» lassen sich Vorurteile nicht sehr präzise erfassen. Manche Befragten geben einfach jene Antwort, die sozial erwünscht ist.

«Dann erfasst man nicht wirklich ihre Vorurteile, sondern die herrschenden sozialen Normen», sagt der Politologe Roberto Foa von der University of Melbourne, «beziehungsweise das, was als politisch korrekt gilt.»

Ein aufschlussreicher Weg

Soziale Normen können unterschwellige Vorurteile also überdecken oder verstärken. Dieses Problem sieht auch Michael Ochsner vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften (FORS) in Lausanne, das die Befragung für den «World Values Survey» in der Schweiz durchführt.

Trotzdem hält er die Frage nach den unerwünschten Nachbarn für einen aufschlussreichen Weg, um Vorurteile in verschiedenen Ländern mit den bestehenden Umfragedaten zu erforschen und international zu vergleichen.

Vorurteile ändern sich

Besonders wertvoll ist der «World Values Survey», weil er in regelmässigen Abständen durchgeführt wird. So kann man zeitliche Entwicklungen aufzeigen, wie etwa eine wachsende Ablehnung gegenüber Migranten.

Vorurteile gegenüber Migranten: Die Ablehnung gegenüber Migranten und Fremdarbeitern nimmt in vielen Weltregionen zu. Das hat der Politologe Roberto Foa aus den Antworten auf die Nachbar-Frage im «World Values Survey» der letzten Jahrzehnte berechnet. Ausnahme: der afrikanische Kontinent.

Vorurteile gegenüber Migranten nehmen also vielerorts zu. Bei Vorurteilen gegenüber Homosexuellen, Drogensüchtigen und Alleinerziehenden sieht es anders aus, sagt Politologe Roberto Foa: «In vielen westlichen Ländern nehmen die Vorurteile gegenüber diesen Bevölkerungsgruppen ab.»

Schrumpft der Kuchen, wachsen die Vorurteile

Warum das so ist, darüber herrscht unter Wissenschaftlern keine Einigkeit. Eine der gängigsten Thesen ist, dass ein wirtschaftlicher Aufschwung Vorurteile zum Schmelzen bringt.

«Wenn der Kuchen wächst, kann man ihn auch gut mit anderen teilen», erklärt Foa. Stagniere die Wirtschaft hingegen, basieren Vorurteile auf einem Nullsummenspiel: «Wenn jemand mehr bekommt, dann bekomme ich weniger.»

Auch Populismus sorgt für Vorurteile

Das Argument mit dem Wirtschaftswachstum ist allerdings umstritten. Denn auch in Ländern, deren Wirtschaft wächst, nehmen gewisse Vorurteile zu. Da spielt auch der Populismus hinein. «Vorurteile lassen sich leicht schüren», sagt der Politologe Foa – das könne man derzeit in einigen Ländern wie den USA gut beobachten.

Dem Forscher gibt diese Entwicklung zu denken. Umso wichtiger ist ihm, dass der «World Values Survey» auch die kommenden Veränderungen gut dokumentiert. Die nächste weltweite Befragungsrunde läuft demnächst an.

Sendung: SRF 1, Einstein, 19.1.2017, 21 Uhr

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