Im Impact-Hub Bern mitten in der Altstadt können Büro-Nomaden Tische oder Glasboxen zum Arbeiten mieten. Nun zwängen sich auch Nicht-Nomaden im Dachstock in die aufgestellten Stuhlreihen. Denn am ersten Kongress der Digitalen Nomaden Schweiz sollen Erfahrungen ausgetauscht werden.

Zum Beispiel mit Adrian Sameli. Gegen 100 Länder hat er in den letzten Jahren bereist, mit Rucksack und Laptop, und hat gearbeitet – mal eine Stunde am Tag, mal von früh bis spät, je nach Auftrag. «Ich nenne mich auch ‹web-enthusiast on the road›», sagt er, der Internet-Enthusiast auf Reisen.

«  Es muss ein Ort sein, wo ich gutes Internet habe und nicht abgelenkt werde.  »
Adrian Sameli
Digitaler Nomade

Arbeit und Freizeit trenne er aber bewusst: «Ich gehe selten an einen Ort zum arbeiten, wo Tohuwabohu herrscht. Das kann auch einmal am Strand sein, aber es muss an einem Ort sein, wo ich gutes Internet habe und nicht abgelenkt werde.»

Juristisch heikles Terrain

Für das Leben mit vielen Freiheiten habe er einiges aufgegeben, sagt Sameli: die feste Wohnung, das Auto, das Leben in der Schweiz. Und er müsse gut rechnen, um die hohen Krankenkassenprämien bezahlen zu können. Eine weitere Schwierigkeit: Als Ein-Mann-Unternehmen mit tiefem Einkommen genug Beiträge zu zahlen, um Finanzierungslücken im Alter vorzubeugen.

E«Die Altersvorsorge ist eines der schwierigsten Themen», sagt Sameli. «Aber wenn man seine Zukunft so planen will, ist es ein wichtiger Punkt.» Hanna Pfister hört aufmerksam zu und nickt. Sie ist eine der wenigen Arbeitgeberinnen im Raum. Sie arbeitet für ein Hilfswerk und beschäftigt auch Leute, die als Nomaden unterwegs sind – extrem motivierte Leute, sagt sie.

Doch: Lohn und Sozialleistungen sauber abzurechnen, sei eine rechtliche Gratwanderung. «Es ist machbar, weil alle in der Schweiz versichert sind. Aber es gibt gewisse Herausforderungen, gerade bei einer Familie, denn da sind Kinder involviert, und da gibt es schon rechtliche Lücken.» Das Problem: Bei Steuern, Abgaben oder Zulagen für Familien ist der Wohnort massgebend.

Nicht von einem Hamsterrad ins nächste

Viele Nomaden hätten keinen festen Wohnsitz und müssten deshalb neue Lösungen suchen. Auch IT-Spezialist Lorenz Ramseyer arbeitet ohne fixen Bürotisch. Mit Schweizer Löhnen sei es einfacher im Ausland zu überleben als umgekehrt, sagt er. Trotzdem müsse dieser Lifestyle gut durchdacht sein.

«Man darf natürlich nicht aus dem Hamsterrad flüchten, in dem man sich vielleicht befindet, und dann ins nächste Hamsterrad hineintreten.» Es gehe vielmehr um die Frage, wo man effizienter werden könne, ist er überzeugt.

«  Digitale Nomaden sind die Spitze des Eisbergs, die beweisen, dass es möglich ist.  »
Lorenz Ramseyer
Präsident Digitale Nomaden Schweiz

Ramseyer ist Nomade mit Familie. Ein lokaler Nomade, monateweise im Ausland, sonst an einem gemieteten Bürotisch in der Nähe. Gerade bei Fragen rund um Steuern und Versicherungen sei die Schweiz noch überfordert.

Erst der Anfang einer Massenbewegung

Als Präsident der Digitalen Nomaden Schweiz will er nun politisch Druck machen, denn die Arbeit verändere sich derzeit grundlegend: «Digitale Nomaden sind die Spitze des Eisbergs, die beweisen, dass es möglich ist.»

Es werde aber eine ganz grosse Masse nachziehen, die dann vielleicht weniger nomadisch sei und in fremde Länder reise. «Aber sie ist auch viel mobiler, was die Arbeit angeht. Da sind viele Fragen zu klären, die Politik ist gefordert.» Denn Ramseyer ist überzeugt: Bis in zehn Jahren wird fast die Hälfte der Büromenschen ausserhalb der Räume ihrer Arbeitgeber arbeiten.