40 Jahre Haft für Kriegsverbrecher Karadzic

Er gilt als Hauptverantwortlicher des Massakers in Srebrenica – nun wurde der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic zu 40 Jahre Haft verurteilt. Das UNO-Kriegsverbrechertribunal hat ihn des Völkermords, der Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen.

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40 Jahre Gefängnis für Karadzic

1:23 min, aus Tagesschau vom 24.3.2016

Der ehemalige Serbenführer Radovan Karadzic des Völkermordes in Srebrenica schuldig gesprochen und zu insgesamt 40 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Urteil verkündeten die Richter des UNO-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag.

Die Urteilsverkündung in Den Haag

0:15 min, vom 24.3.2016

Auch in neun weiteren von insgesamt elf Anklagepunkten sprachen ihn die UNO-Richter unter anderem wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig, darunter Mord, Ausrottung, Deportationen, Terror, Vertreibung und Geiselnahme.

Er wurde allerdings vom Anklagepunkt des Völkermordes in sieben bosnischen Kommunen freigesprochen. Die dort von serbischen Einheiten begangenen Verbrechen waren nach Ansicht der Richter kein Völkermord. Die acht Jahre, die Karadzic bereits im Gefängnis verbracht hat, werden von seiner Strafe abgezogen. Der 70-Jährige will gegen seine Verurteilung in Berufung gehen, sagte sein Anwalt gleich nach der Urteilsverkündung.

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Festnahme im Gerichtsaal

Die ehemalige Sprecherin des UNO- Kriegsverbrechertribunals, Florence Hartmann, ist im Gericht festgenommen worden. Hartmann war 2009 von dem Tribunal zu einer Geldbusse von 7000 Euro verurteilt worden, nachdem sie in einem Buch aus geheimen Dokumenten des Tribunals zitiert hatte. Hartmann war von 2000 bis 2006 Sprecherin von Carla Del Ponte.

Vor dem Gebäude in Den Haag versammelten sich Dutzende Menschen zu einer Mahnwache. Darunter waren auch ehemalige Gefangene serbischer Lager und Bürger belagerter bosnischer Städte.

Jahrelang untergetaucht

Unter Karadzics Oberbefehl stürmten serbische Truppen 1995 die UNO-Schutzzone im bosnischen Srebrenica und ermordeten 8000 muslimische Jungen und Männer. Das Massaker von Srebrenica gilt als schlimmstes Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 wurden insgesamt mehr als 100'000 Menschen getötet und mehr als 2,2 Millionen in die Flucht getrieben.

Nach Kriegsende war Karadzic jahrelang als Psychiater Dr. Dragan Dabic untergetaucht. 2008 wurde der ehemalige Serbenführer nach 13 Jahren auf der Flucht festgenommen. Der Prozess gegen ihn, in dem er sich selbst verteidigt hatte und seine Unschuld beweisen wollte, dauerte sechs Jahre lang.

Wie wird das Urteil in Serbien aufgenommen?

Einschätzungen von SRF-Südosteuropa-Mitarbeiter Walter Müller: In Serbien wird das Urteil gegen Karadzic mit grossen Zweifeln und viel Skepsis aufgenommen. Nach wie vor hält die Mehrheit der Bevölkerung das Haager Tribunal für antiserbisch, da die Mehrheit der Angeklagten und Verurteilten bosnische Serben sind. Sie empfindet das Urteil gegen Karadzic als einen zusätzlichen antiserbischen Beweis. Kommt hinzu, dass das Haager Tribunal wenig Gespür zeigte, als es den heutigen Tag für die Urteilsverkündung auswählte. Denn heute vor 17 Jahren begann die Nato-Bombardierung in der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien. Für die gesamte serbische Bevölkerung war die 78 Tage dauernde Bombardierung im Frühjahr 1999 eine extreme Beleidigung. Serbien sieht sich immer noch als Prügelknabe der Internationalen Gemeinschaft. Die Urteilsverkündung an diesem Jahrestag verstärkt die nationalistischen Gefühle nur. Vor allem bosnische Serben werden Karadzic auch nach dem Urteil als Kriegshelden feiern. Wichtig ist die Verurteilung Karadzics in erster Linie für die Opfer und Hinterbliebenen in Bosnien, die dadurch endlich ein Minimum an Genugtuung erhalten. Die grossen Leidtragenden waren vor allem die Muslime aber auch die Kroaten in Bosnien-Herzegowina. Entscheidend ist auch, dass das Haager Tribunal festhält, was im Bosnienkrieg zwischen 1991 und 1995 passiert ist. Es gibt nun Beweise für den Völkermord, für Vertreibungen, für Vergewaltigungen und ethnische Säuberungen. Revisionisten können nun nicht einfach mehr das Gegenteilbehaupten. Zu hoffen ist, dass die Befunde des Tribunals eines Tages auch in den Geschichtsbüchern der Staaten Ex-Jugoslawiens zu finden sein werden.

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