Ägypten droht die Militärdiktatur

Drei Wochen nach dem Sturz des Islamisten Mursi ist Ägypten instabiler als zuvor. Tägliche Zusammenstösse prägen das Bild im Land am Nil. Um der Gewaltspirale ein Ende zu setzen, fordert Armeechef Sisi die Vollmacht.

Demonstranten halten ein Bild von al-Sisi Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Abdel Fattah al-Sisi verlangt ein Mandat gegen Terrorismus und Gewalt. Reuters

Nach blutigen Ausschreitungen bei Demonstrationen und Anschlägen hat der ägyptische Armeechef Abdel Fattah al-Sisi Vollmachten für ein Eingreifen des Militärs verlangt.

In einer Rede an der Militärakademie in Kairo rief er die Bevölkerung zu Massendemonstrationen am Freitag auf. Demnach sollen die Ägypter «auf die Strasse gehen, um mir das Mandat und die Vollmacht zu geben, Gewalt und Terrorismus zu beenden», sagte Sisi, genau drei Wochen nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi.

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Vorerst keine Kampfflugzeuge

Angesichts der Machtkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern des entmachteten ägyptischen Präsidenten setzen die USA die Lieferung von F16-Kampfflugzeugen für unbestimmte Zeit aus. US-Präsident Barack Obama habe die Entscheidung mit Zustimmung seiner Sicherheitsberater getroffen, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Der neue starke Mann in Ägypten versicherte, seine Aufforderung sei kein Aufruf zur Gewalt gegen die Mursi-Anhänger. Sisi gilt jedoch als geschickter Taktiker. Für Beobachter ist klar: seine Forderung nach einem Mandat und Vollmachten werden darauf hinauslaufen, dass sich die Armee wieder zum Eingreifen ins unmittelbare Tagesgeschehen ermächtigen wird.

Zuspitzung der Gewalt

Der führende Muslimbruder Essam al-Erian bezeichnete den Aufruf des Armeekommandeurs als «leere Drohung». Die Muslimbruderschaft kündigte umgehend an, am Freitag ihrerseits «Millionen» Anhänger auf die Strasse zu bringen. Mit der beidseitigen Massenmobilisierung droht nach Ansicht von Beobachtern eine weitere Zuspitzung der Gewalt. Diese ist derzeit ohnehin ständig präsent.

Bei einem Bombenanschlag in Al-Mansura nördlich von Kairo wurde ein Polizist getötet. 28 weitere Menschen, unter ihnen Polizisten und Zivilisten, erlitten Verletzungen, wie der ägyptische Ambulanzdienst in Kairo bestätigte.

Drei Tage zuvor hatten dort Unbekannte eine Demonstration der Muslimbruderschaft angegriffen und dabei drei Frauen getötet. In der ägyptischen Hauptstadt wurden in der Nacht zum Mittwoch zwei Demonstranten getötet, als Unbekannte in eine Kundgebung der Anhänger Mursis schossen.

Seit der Entmachtung Mursis starben über 100 Menschen bei Zusammenstössen. Die meisten der Opfer stammen aus dem Mursi-Lager. Mursi wird vom Militär an einem unbekannten Ort ohne Anklage festgehalten.