Afrikas Jungautoren erobern die Welt

Schwarzer Krimi und süffige Literatur – das war in Afrika bisher ziemlich rar. Zunehmend verschaffen sich junge Autoren afrikanischer Herkunft Gehör mit ihren Büchern – auch im Westen. Doch werden sie auch in der Heimat gelesen?

Mukoma wa Ngugi an Tisch sitzend Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mukoma wa Ngugi, aufgenommen während der Lesereise im September 2014. Transit Verlag

Die Leiche ist blond, der Verdächtige ein Held. Und der Polizist, der den Fall in der gefährlichsten Stadt der Welt, in Nairobi klären soll, ist ein schwarzer Amerikaner. Es ist eine höchst brisante Ausgangslage, die Mukoma wa Ngugi in seinem Thriller zeichnet.

Keine weisen Mandela-Typen

Der Siegeszug der afrikanischen Literaten

6:41 min, aus Echo der Zeit vom 03.12.2014

Ein Thriller mit rasantem Tempo und erstaunlichem Ausgang. Plötzlich nämlich wird der Gute zum Mörder. Eine Wende mit politischem Hintergedanken, wie wa Ngugi erklärt: «Ich wollte einen Anti-Helden schaffen. Denn es gibt nicht genügend afrikanische Schurken. Vor allem in Filmen sind die Afrikaner immer weise Mandela-Typen, die sich in Sprichwörtern ausdrücken. Ich wollte jemanden, der Schlimmes tut, der aber dennoch kein CNN-Stereotyp, kein kolonialistisches Klischee wiedergibt. Sondern jemand, der für die Leser anziehend wirkt.»

Das ist ihm gelungen. Mukoma wa Ngugi hat es mit seinem allerersten Krimi gleich auf verschiedene Bestenlisten geschafft – auch im deutschsprachigen Raum. Gleichzeitig in der Sparte Krimi und Literatur.

Ziemlich einzigartig, meint sein deutscher Verleger Rainer Nitsche vom Transit-Verlag: «Als wir die ersten Seiten lasen, dachte ich: Das ist eine sehr spannende Geschichte. Die Charaktere sind so gekennzeichnet, dass es eine literarische Arbeit ist. Es ist sehr selten, dass eine Geschichte sowohl als Krimi als auch als Literatur durchgeht.»

«Afroamerikaner sollten sich Amerikaner zum Vorbild nehmen»

Schwarzer Krimi und süffige Literatur – das war in Afrika bisher ziemlich rar. Doch jetzt haben die jüngeren Autoren gemerkt, dass sie so soziale Probleme und gesellschaftliche Unsitten transportieren können, und damit eine breite Leserschaft gewinnen.

Co-Übersetzer Nko Fröba (linke Seite), Autor Mukoma wa Ngugi (Bildmitte), Übersetzer und Verleger Rainer Nitsche Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Am Bodensee: Autor Mukoma wa Ngugi zusammen mit Co-Übersetzer Niko Fröba (linke Seite) sowie Verleger Rainer Nitsche. Gudrun Fröba, Transit Buchverlag

Noch nie gab es so viele international erfolgreiche afrikanische Autorinnen und Autoren: Chimamanda Ngozi Adichie, Helon Habila, Dinaw Mengestu, NoViolet Bulawayo: Sie kommen aus Nigeria, Äthiopien, Zimbabwe und haben alle internationale Preise eingeheimst. Weil sie einfach gut seien, sagt Wa Ngugui. Aber auch, weil Afrikaner im Westen als sexy gelten.

«Afroamerikaner sollten sich Afrikaner zum Vorbild nehmen, hört er öfter. Sie sind fleissig, nehmen keine Drogen, machen Karriere – aber ein wichtiger Grund ist natürlich auch, dass die Verleger im Westen sitzen.»

Suche nach der eigenen Identität

Ziel oder Zufall: Praktisch alle afrikanischen Erfolgsautoren leben in den USA. Auch Mukoma wa Ngugi. Sein Vater Ngugi wa Thiongo – einer der bekanntesten Schriftsteller Afrikas – musste wegen seiner Kritik am Kolonialismus und an den schwarzen Nachfolgeregierungen ins Exil fliehen. Immer wieder habe er ans Zurückkommen gedacht, sagt Mukoma wa Ngugi. Er hat inzwischen über die Hälfte seiner 43 Jahre jenseits des Atlantiks verbracht.

Die Suche nach der eigenen Identität ist denn ein grosses Thema aller ausgewanderten Jungautoren – auch von Mukoma wa Ngugi. «Ich habe mich immer als Kenianer gefühlt, da gehöre ich auch hin. In den USA werde ich immer ein Aussenseiter sein – dennoch schlägt man nach so vielen Jahren weit weg von zuhause auch Wurzeln.»

Mukoma wa Ngugi ist der leibhaftige Botschafter zwischen den zwei Welten: Der Hühne mit der oft stockenden Stimme und dem etwas wilden Haarschopf hat in den USA eine steile akademische Karriere hingelegt. Er schreibt Gedichte, aber auch politische Kolumnen für so angesehene Zeitungen wie den britischen «Guardian».

Eine riskante Mischung

Er engagiert sich in verschiedenen Gremien gegen soziale Ungerechtigkeiten und postkolonialen Rassismus – aber auch gegen die Politik von Weltbank und Währungsfonds. Und er spricht mit deutlich afrikanischem Akzent – obwohl er an der renommierten Cornell Universität im US-Bundesstaat New York Englisch lehrt.

Sein Thriller ist genau so grenzüberschreitend: Es geht um den Genozid in Ruanda. Um einen Mann, der viele Menschen vor dem Tod rettet, aber schliesslich selber einen Mord begeht. Der zweite Krimi – eben in den USA erschienen – ist noch brisanter: Wa Ngugi thematisiert die ethnische Gewalt bei den letzten Präsidentenwahlen in Kenia, und den Krieg von US-Präsident Obama gegen den Terror.

Eine riskante Mischung – aber schon jetzt hochgelobt. Dennoch wird wohl auch dieses Buch bei seinen Leuten in Kenia nicht gelesen – schon gar nicht in seiner Muttersprache, in Kikuju. Nicht nur weil die Verleger nicht daran interessiert sind:

«Ich spreche fliessend Kikuju, aber die ganze Schulzeit hindurch wurden wir bestraft, wenn wir nicht Englisch sprachen. So wurde ich langsam meiner Muttersprache beraubt.»

Es werde schwierig sein, vom Englischen wegzukommen. Aber nötig. Doch kaum wahrscheinlich: Allein in Kenia müssten die Bücher in 40 Sprachen übersetzt werden. Nur eine Minderheit spricht Kikuju. Zudem sind Bücher in Kenia – und in ganz Afrika – unbezahlbar, sie kosten in Kenia fast einen Viertel eines Monatslohns.