«Ebola kommt einfach in Dein Haus und bringt alle um»

Die Gesundheitssysteme der von Ebola betroffenen Ländern sind fragil und anfällig. So gibt es nach dem Ebola-Ausbruch in Liberia nur noch 50 Ärzte. Es fehlt an Personal, Diagnosemitteln, Medikamenten und vielem mehr.

In Monrovia ist eine Isolationsstation für Ebola-Kranke im Bau. Im Hintergrund das zerschossene Verteidigungsministerium Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In Monrovia ist eine Isolationsstation für Ebola-Kranke im Bau. Im Hintergrund das zerschossene Verteidigungsministerium SRF / Patrick Wülser

Vor kaum zehn Jahren ist in Liberia ein Bürgerkrieg zu Ende gegangen, der 200'000 Menschenleben forderte. Schlimm sei der Krieg gewesen, aber berechenbarer als Ebola, sagt Andieii Buawa, der in der tropischen Hitze Balken zusammenschraubt. Zivilisten und Soldaten bauen aus Zelten eine Isolationsstation für Ebola-Kranke in Monrovia, der Hauptstadt Liberias.

Afrikas krankes Gesundheitssystem

6:55 min, aus Echo der Zeit vom 24.11.2014

«Den Bürgerkrieg in Liberia haben wir verursacht. Wir haben uns gegenseitig umgebracht. Ebola kam aus dem Busch. Aus dem Nichts. Wir können nichts dafür», sagt Buawa. Vor Gewehrfeuer könne man sich schützen und man könne fliehen. Ebola komme dagegen eines Tages einfach ins Haus und bringe alle um.

Es ist nicht der erste Ebola-Ausbruch und der Erreger verhält sich wie im Lehrbuch: er ist nicht ansteckender als früher – aber in Afrika fällt er auf fruchtbaren Boden. Auf Staaten, die von Bürgerkriegen und Korruption so geschwächt sind, dass ihre Gesundheitssysteme längst kollabiert seien, berichtet Walter Nawengale. Er ist Chirurg und seit dem Ende des Bürgerkriegs Gesundheitsminister von Liberia: «Alle Spitäler im Land waren entweder komplett zerstört oder vollständig geplündert. Es gab keinen Ort mehr, wo Patienten überhaupt behandelt oder gar operiert werden konnten».

Gesundheitsbudget von 2 Millionen Franken für ein Land

Im ganzen Land habe es noch 50 Ärzte gegeben, erklärt Nawengale weiter. Vor dem Ebola-Ausbruch etwa 170. Es gab praktisch keine Krankenschwestern mehr und die wenigen die es gab, arbeiteten in den grossen Städten wie hier in Monrovia – ausserhalb der Hauptstadt war das Gesundheitswesen total zusammengebrochen.

Die Schweiz ist halb so gross wie Liberia – verfügt aber über 100 Mal mehr Ärzte als das westafrikanische Land. Nebst Personal fehlt es Liberia an Geld. 2 Millionen Franken beträgt das Jahresbudget des liberianischen Gesundheitswesens. In vielen Dörfern ist das nächste Busch-Spital 2 bis 3 Tagesmärsche entfernt. Dort treffen die Patienten häufig nicht auf einen Arzt, sondern eine angelernte Krankenschwester.

Porträt von Nelson Gitonga Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Unsere Labors sind das schwächste Glied im Gesundheitssystem», sagt der kenianische Arzt Nelson Gitonga. SRF / Patrik Wülser

Schnelle Labordiagnosen gebe sowieso nicht sagt der kenianische Arzt und Gesundheitsökonom Nelson Gitonga: «Unsere Labors sind das schwächste Glied im Gesundheitssystem. Es gibt zu wenig Labors und wenn es sie gibt, sind sie schlecht ausgerüstet.» Kommunikationsmittel wie Telefon oder Internet gebe es im Busch praktisch nicht. Bis die Behörden von einem Ausbruch einer Krankheit hören, vergehen Tage und Wochen. Strassen, um Kranke ins Spital zu bringen gibt es häufig keine und eine Ambulanz schon gar nicht.

Herz- und Kreislauferkrankungen sind auf dem Vormarsch

Nicht nur in Liberia – die meisten Länder auf dem Kontinent wären mit einem Ebola-Ausbruch überfordert, sagt der ehemalige Chefarzt. «Die meisten Länder haben zu wenig Ärzte, in vielen Spitälern auf diesem Kontinent teilen sich drei Patienten ein Bett. Wie will man da Leute isolieren?», fragt sich Gitonga. Eine Ebola-Behandlung müsse den Kreislauf stützen, den Wasser- und Elektrolythaushalt stabilisieren – aber viele Spitäler verfügten über keine Infusionen und schon gar keine Möglichkeiten, um die Nierenfunktion zu überprüfen.

Ebola ist nicht die einzige Krankheit unter der Afrika leidet. Im Tropengürtel schwächen tückische Infektionskrankheiten, wie Bilharziose, Malaria oder Gelbfieber die Menschen. Afrika, die Wiege der Menschheit, ist heute der Ort mit den härtesten Existenzbedingungen. Und der durchschnittliche Gesundheitszustand könnte sich noch verschlechtern, vermutet Gitonga. Degenerative Krankheiten wie Krebs und Herz- und Kreislauferkrankungen seien in Afrika angekommen.

Afrika braucht Infrastrukturen, Ärzte und Pflegepersonal. Aber die teuersten Medikamente und Apparate nützten nichts, wenn die Aufklärung fehle, sagt Gitonga. Prävention sei die beste Medizin – aber daran sei niemand interessiert:

«Dafür gibt es einen Grund. Mit Beratung und Aufklärung können Pharmaunternehmen, Spitäler und Ärzte kein Geld verdienen. Mit der aufwendigen Heilung und Pflege von Kranken dagegen schon.»

«Falsche Langzeittherapie»

Ein kurzsichtiger Ansatz, meint der Mediziner. Denn die Ursache für Ebola sei in erster Linie ein Mangel an medizinischer Informationen «Wenn die Leute alle wüssten, dass Flughunde und Affen Überträger des Virus sind. Dass man diese Tiere nicht mehr essen sollte, dass man bestimmte Beerdigungs-Rituale unterlässt oder sofort zum Arzt geht, wenn bestimmte Symptome auftreten, wäre das die wichtigste Medizin gegen Ebola», ist Gitonga überzeugt.

Mit Militärmaschinen Schutzanzüge, Handschuhe und Medikamente einzufliegen, sei die richtige Symptombekämpfung gewesen – aber die falsche Langzeittherapie, meint Gitonga.

Denn, wenn am Ende alle einfach wieder nach Hause gehen, wird Liberia wieder nur 170 Ärzte haben und ein Gesundheitssystem, das den Namen nicht verdient. Und Ebola kann – wie es im Lehrbuch steht – jederzeit zurückkehren.