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International Akt der Verzweiflung

Vor wenigen Monaten noch liess Carly Fiorina kein gutes Haar an Ted Cruz, nun ist sie plötzlich sein «Running Mate». Verbindendes findet sich zwischen den beiden kaum, abgesehen von der Abneigung gegen einen gewissen blonden Milliardär. Was bringt die merkwürdige Allianz?

Carly Fiorina und Ted Cruz winken bei einer Wahlveranstaltung den Leuten zu.
Legende: Bisher schienen sie sich nicht sonderlich sympathisch. Doch jetzt ist plötzlich alles anders. Keystone
Legende: Video So sprach Fiorina noch vor kurzem über Cruz abspielen. Laufzeit 0:17 Minuten.
Vom 01.05.2016.

«Ted Cruz ist wie jeder Politiker. Er sagt, was immer er muss, um gewählt zu werden.» So liess sich Carly Fiorina noch vor drei Monaten über den Senator aus Texas aus.

Inzwischen sind die beiden in tiefster Freundschaft verbunden. Dies zumindest versicherte Cruz, als er die Geschäftsfrau vor wenigen Tagen als seine Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin vorstellte. Die ganze Familie sei begeistert von Fiorina, die mittlerweile die Cruz-Kinder gar in den Schlaf singe. Fiorina ihrerseits gibt sich geläutert und wird nicht müde zu betonen, wie sehr sie sich in ihrem einstigen Feindesbild getäuscht habe.

Klar ist: Der erzkonservative Cruz steht mit dem Rücken zur Wand. Die absolute Mehrheit der Delegierten kann er vor dem Parteitag der Republikaner in Cleveland nicht mehr holen. Einzige Chance für ihn ist, dass Trump dieses Ziel ebenfalls verfehlt. Dafür tut Cruz alles. Er spannt mit Konkurrent John Kasich zusammen – und er erhebt seine einstige Rivalin zur Vizepräsidentin in spe. Dieser Schritt werde in den USA denn auch als Verzweiflungstat angesehen, sagt SRF-Korrespondent Beat Soltermann.

Auf den Spuren von Vorbild Reagan

Dass ein Kandidat schon derart früh offenbart, wem der Posten des Vizepräsidenten oder der Vizepräsidentin zuteil würde, ist durchaus ungewöhnlich. Um eine Premiere handle es sich aber nicht, sagt Soltermann. «Ronald Reagan tat 1976 dasselbe, verlor dann aber innerparteilich trotzdem knapp gegen Gerald Ford.» Ted Cruz hoffe natürlich, dass er besser pokere als sein grosses Vorbild Reagan.

Offensichtlich scheint, welche Wählerschaft Fiorina ins Cruz-Boot holen soll. Da wären einerseits zweifellos die Frauen: All jene republikanischen Wählerinnen, die Trump mit seinen sexistischen Sprüchen erfolgreich vergrault hat. Andererseits ist die ehemalige Chefin des IT-Riesen Hewlett Packard (HP) nahe bei den Wirtschaftsleuten, währenddem Cruz diesbezüglich nur wenig Kompetenzen vorzuweisen hat. Und zu guter Letzt erhofft sich der politisch radikale Cruz dank der gemässigten Fiorina Stimmen im bedeutsamen Vorwahl-Staat Kalifornien.

Wie Ying und Yang? Eher nicht.

Ein idealer Gegenpol zu Cruz also, der voll und ganz für den konservativen Süden steht? Theoretisch vielleicht. Doch ob die Rechnung aufgeht, bleibt höchst ungewiss. Denn just in Kalifornien musste die 61-jährige Fiorina schon einige folgenschwere Niederlagen einstecken. Ihre Zeit und vor allem ihr Abgang bei HP, dessen Hauptsitz im kalifornischen Palo Alto ist, waren alles andere als rühmlich. Absolut erfolglos blieb sie ausserdem 2010 im Senatswahlkampf gegen Barbara Boxer.

Kommt hinzu: Sogar unter den Republikanern ist die als kühl geltende Fiorina umstritten. Davon zeugen auch ihre schwachen Resultate bei den ersten Vorwahlen, als die Ex-Topmanagerin noch eigene Ambitionen fürs Präsidentenamt hegte. Im Februar hatte sie ihre Kandidatur schliesslich enttäuscht zurückgezogen.

Falls Fiorina auf Clinton trifft...

Nun will sie also als Nummer zwei ins Weisse Haus. Der Weg ist noch weit. Spannend dürfte es aber werden, wenn Ted Cruz am Parteitag im Juli tatsächlich die offizielle Nominierung schaffen sollte. Dann stünde Fiorina plötzlich wieder Hillary Clinton gegenüber, die sie schon zu Beginn der Vorwahlen immer wieder äusserst heftig attackiert hatte.

«Beide sind ganz verschiedene Persönlichkeiten, doch sie werden auf tutti gehen, um im Herbst zu gewinnen», sagt Korrespondent Soltermann. «Falls das Team Cruz-Fiorina tatsächlich gegen Clinton antritt, darf man sich also auf einen harten und schmutzigen zweiten Teil des Wahlkampfes gefasst machen.»

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19 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Solche Vorgehensweisen gab es früher nie in Amerika. Die Amerikaner sind eines der aufrichtigsten, fairsten +offensten Völker der Welt. Erst seit Obama an die Macht kam, sind solche "Intrigen" wie bei uns in Europa auch dort Mode. Obama wollte die USA zu einem Sozialstaat machen wie es die EU ist. Leider weiss Obama das Wichtigste nicht: Es schadet einem Volk wenn der Staat die Ärmsten verpäppelt, da er nicht weiss, wer wirklich Hilfe verdient. Der Sozialstaat zerstört die echte Nächstenliebe!
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  • Kommentar von D. Schmidel (D. Schmidel)
    Die Europäer beneiden den Amerikanischen Wahlkampf. Da kann man noch sagen, was Sache ist. "god bless the united states of america"
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    1. Antwort von Stanic Drago (Putinversteher)
      Wie ich schon sagte; Italiener hatten Jahrelang solche Wahlkampf. Und immer wieder hat reichste gewonnen. Schlauste war er nicht. Ich frage mich, was Sie in diesen Wahlkampf interessant finden? Viele Diskussionen sind unter Gurtel Linie. Hat nicht Bush und Trump diskutiert über länge von einen Körperteil? Fachleute, haben bestätigt, dass intelektuelle Niveau ist wie bei 14 Jährigen. Sorry, aber US Wahlkampf ist eine Schande für uns und USA.
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  • Kommentar von D. Schmidel (D. Schmidel)
    Sollte dann ganz unerwartet doch noch Hillary Präsidentin werden, so wird sie zu Putin sagen, "Ich kenne die Männer"
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