Zum Inhalt springen

International «Alle Nicht-Syrer kommen in Abschiebehaft»

Das Flüchtlingsabkommen zwischen der Türkei und der EU ist in Kraft: Die Türkei nimmt alle illegal nach Griechenland Eingereisten zurück und schickt dafür gleich viele syrische Flüchtlinge nach Europa. Ganz so einfach, wie Ankara sich dies vorstelle, sei es aber nicht, sagt Journalist Seibert.

Ein Mann hält ein Kleinkind auf dem Arm in einem Zeltlager. Links ein hoher mit Stacheldraht gesicherter Zaun.
Legende: «Die Menschen in den Lagern langweilen sich, sie sind ja quasi eingesperrt», sagt Journalist Seibert. Reuters

SRF News: Was geschieht mit den Afghanen, Pakistani und Irakern, die in der Türkei festsitzen?

Thomas Seibert: Sie kommen in Abschiebehaft. Sie werden nach der Ankunft aus Griechenland sofort mit Bussen in ein Lager gebracht. Die türkische Regierung will sie so schnell wie möglich in die Herkunftsländer abschieben, da sie in der Türkei kein Recht auf Asyl haben.

Ist das bei Ländern wie Irak und Afghanistan machbar?

Die Türkei sagt, das sei alles legal und werde sehr schnell gehen. Man habe alles im Griff. Allerdings gibt es daran grosse Zweifel. So gibt es bisher noch keine gültigen Rückübernahmeabkommen zwischen der Türkei und diesen Herkunftsländern. Es wird also möglicherweise nicht so einfach, wie Ankara sich das vorstellt. Migrationsexperten in der Türkei gehen davon aus, dass mittel- und langfristig etwa 90 Prozent jener Leute, die aus Griechenland zurückkommen, dauerhaft hier in der Türkei bleiben werden.

Wo werden diese Menschen untergebracht?

Das ist momentan die grosse Frage. Es gibt lediglich ein Lager in der Nähe von Istanbul für sie. Aber das hat nur Platz für 750 Menschen. Die türkischen Behörden arbeiten daran, neue Aufnahmezentren an der Ägäis zu erstellen. Dort sollen die Leute, die aus Griechenland zurückkommen, untergebracht werden.

Sie haben solche Lager schon besucht. Wie leben die Menschen dort?

Die 26 Flüchtlingslager, welche die Türkei bisher für syrische Flüchtlinge gebaut hat, sind relativ gut. Sie werden auch von der UNO gelobt. Es gibt dort Krankenhäuser und Moscheen. Die Leute bekommen Geldkarten, mit denen sie in Supermärkten innerhalb des Lagers einkaufen können. Aber das eigentliche Problem ist das Lagerleben selbst. Die Leute haben nichts zu tun. Sie langweilen sich. Sie sind ja quasi in diesen Lagern eingesperrt. Deshalb leben nur 300'000 Menschen dort. Fast 90 Prozent aller syrischer Flüchtlinge leben ausserhalb, auf der Strasse. Insgesamt leben rund drei Millionen Flüchtlinge in der Türkei.

Sie sagen, die Lager seien in einem relativ guten Zustand. Heisst das, die Türkei setzt das Geld, das sie von der EU für die Unterbringung der Flüchtlinge erhält, gut ein?

Davon kann man ausgehen. Bisher ist allerdings noch nichts mit EU-Geld gebaut worden. Bisher hat die Türkei alles selber bezahlt.

Die Stimmung unter den Türken droht zu kippen.
Autor: Thomas SeibertJournalist in Istanbul

Aus Griechenland hat man oft gehört, die Bevölkerung helfe den gestrandeten Flüchtlingen. Ist das auch in der Türkei zu beobachten?

Bisher war es so, dass die Menschen in der Türkei den Menschenstrom relativ ruhig und gelassen aufgenommen haben. Doch jetzt droht die Stimmung zu kippen. Es gab erste Protestdemonstrationen gegen den Neubau von Flüchtlingslagern. Die Regierung bemüht sich, das alles herunterzuspielen und sagt, die Gesamtzahl der Flüchtlinge werde durch das Abkommen mit der EU nicht steigen. Aber viele Türken glauben das nicht und befürchten, dass die Türkei zu einem grossen Open-air-Flüchtlingslager für Menschen wird, die in Europa nicht willkommen sind.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Der Journalist Thomas Seibert ist USA-Korrespondent des «Berliner Tagesspiegels». Zuvor berichtete er während 20 Jahren für verschiedene Zeitungen und Radiosender aus der Türkei.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

12 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Ein nächster Schritt kündigt sich an: Juncker will die Asylpolitik zentralisieren. Die Frage ist nur, ob die Mitgliedsländer ihre Kopetenzen abtreten werden. Insbesondere aus Osteuropäischen Staaten dürfte Widerstand kommen. Der Plan sehe vor, das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen (Easo) in eine Agentur mit Entscheidungsbefugnissen umzuwandeln, die in jedem Mitgliedstaat künftig einen Ableger haben und auch Einsprüche gegen die jeweiligen Bescheide bearbeiten solle.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Diee Zustände in den griechischen Abschiebehaftanstalten sind nach wie vor katastrophal.Es daran grosse Zweifel. So gibt es bisher noch keine gültigen Rückübernahmeabkommen zwischen der Türkei und diesen Herkunftsländern. Die Rechte dieser Menschen werden mit Füssen getreten. Milliardenhilfen der EU, beschleunigten EU-Beitrittsgesprächen und das alles auf Kosten der Flüchtlinge. Die Türkei handelt nur zu ihrem Vorteil, die Flüchtlinge bleiben auf der Strecke.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      Sie sehen nur die Auswirkungen, leider nicht die Ursachen. Korrupte afrikanische Herrscher wollen möglichst viele ihrer Bürger loswerden, sie sind froh über die Massenflucht nach Europa; mehr dazu unter: "Korrupte Regime sind Profiteure der Massenflucht nach Europa". Ein anderer Bericht war im Spiegel: "Schwerreiche Regenten: Afrikas Raubkönige" Es ist die Pflicht der Regierungen die Interessen ihrer Bürger zu schützen! Schreiben Sie doch mal ausführlich über dieses Thema!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    150 Personen afghanischer und pakistanischer Nationalität kamen heute Morgen am Hafen von Pireaus an, wurden in Handschellen von der Fähre geführt und in das Abschiebegefängnis nach Corinth gebracht. Von dort aus sollen sie in die Türkei abgeschoben werden. Wie Schwerverbrecher werden sie vor- und abgeführt. Wie ein Gefangenenaustausch wird das ganze ausgeführt. Einfach Menschenunwürdig und verletzend für diese Menschen. Aktuell befinden sich rund 50.000 Flüchtlinge in Griechenland.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen