Nach Anschlag in London Alle Täter identifiziert – Kritik an Sicherheitsbehörden wächst

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«Londoner Polizei will Ermittlungen nicht gefährden»

Das Wichtigste in Kürze:

  • Drei Tage nach dem Anschlag von London hat Scotland Yard einen 22-jährigen Italiener marokkanischer Herkunft als dritten Täter identifiziert.
  • Einer der bereits am Montag identifizierten Täter hatte bereits früher öffentlich mit dem IS sympathisiert, war aber trotz einer Überprüfung als «nachrangig» eingestuft worden.
  • Angesichts wachsender Kritik an den Behörden hat Premierministerin Theresa May die Sicherheitskräfte zur Aufarbeitung des Einsatzes aufgerufen.
  • Auch die muslimisch-britische Gemeinschaft kommt unter Druck – und reagiert: Rund 130 Imame und andere Kleriker wollen kein Gebet für die Attentäter sprechen.

Neben den beiden bereits am Montag identifizierten Tätern hat Scotland Yard nun auch die Identität des dritten Attentäters benannt. Es handle sich um einen Italiener mit marokkanischen Wurzeln, der zuletzt im Osten Londons gelebt habe. Anders als in italienischen Medien berichtet, sei der 22-Jährige weder der Polizei noch dem britischen Inlandsgeheimdienst MI5 bekannt gewesen.

Zwölf Verdächtige, die nach dem Anschlag vom Samstag festgenommen worden waren, sind inzwischen wieder auf freiem Fuss. Die Polizei durchsuchte derweil weitere Wohnungen in Ost-London und nahm einen 27-jährigen Mann fest.

Täter konnte trotz IS-Sympathie für Londoner U-Bahn arbeiten

Einer der Mittäter war seit längerem als radikaler Islamist bekannt. Der aus Pakistan stammende Brite hatte in einer TV-Dokumentation mit einer IS-Fahne posiert. Laut Grossbritanniens Anti-Terror-Chef Mark Rowley wurde der Mann in der Folge überprüft. Die Behörden hätten jedoch keine Belege gefunden, dass er einen Anschlag plane. Darauf wurde er als «nachrangig» eingestuft und konnte 2016 gar während mehrerer Monate für die Londoner U-Bahn arbeiten.

Mittlerweile sind in Pakistan Verwandte des Attentäters ins Visier der Sicherheitskräfte geraten. Geheimdienstmitarbeiter durchsuchten laut der Agentur dpa in der Stadt Jhelam ein Restaurant, das einem Onkel des Mannes gehört.

Leise Kritik an den Sicherheitsbehörden auch aus der Politik

In Grossbritannien wächst derweil die Kritik an der offensichtlichen Fehleinschätzung der Antiterrorabwehr, auch aus der Politik. Premierministerin Theresa May rief die Sicherheitskräfte zur Aufarbeitung des Einsatzes auf.

Aussenminister Boris Johnson zeigte gegenüber der BBC Verständnis für kritische Fragen, «wie diese Person durch unser Netz schlüpfen konnte». Er betonte aber, die Verantwortung für den Anschlag liege bei den Terroristen.

Ähnlich äusserte sich der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan. Er warnte aber auch vor neuen Kürzungen bei der Polizei, wenn May die Neuwahl am Donnerstag gewinnen sollte. Kritiker werfen der Regierungschefin vor, sie trage aus ihrer Zeit als Innenministerin eine Mitverantwortung dafür, dass es heute 20'000 Stellen weniger bei der Polizei gebe als vor sieben Jahren.

Vereinigung verweigert Bestattungs-Gebet

Mit einer klaren Stellungnahme reagiert hat auch die Vereinigung der britischen Muslime. Den Attentätern werde bei ihrer Bestattung das muslimische Gebet verweigert, schreibt sie im Namen von über 130 Imamen auf Facebook.

In einem Video sagt ein Sprecher der Vereinigung, als Muslime seien sie wütend und aufgebracht, dass erneut britische Mitbürger gestorben seien. Dass dies während des Ramadans passiert sei, zeige, dass die Attentäter den muslimischen Glauben nicht respektieren würden. Die Vereinigung würde nun eine Aktion starten, um Radikalisierte in Moscheen besser erkennen zu können.

Einschätzung von Grossbritannien-Korrespondent Martin Alioth

Nach den Londoner Anschlägen im Juli 2005, als sich die verstörende Einsicht verbreitete, dass drei der vier Selbstmordattentäter in Grossbritannien geboren und aufgewachsen waren, bemühte sich die damalige Regierung, Gesprächspartner unter britischen Muslimen zu finden. Doch deren Dachverband, der Muslim Council of Britain, wollte keine Mitverantwortung für die Eindämmung radikaler Denkmuster übernehmen. Das hat sich nun geändert: Man sei bereit für schwierige Gespräche, sagte der Generalsekretär des Verbands. Und ja, er begrüsse eine Zusammenarbeit.
Darum geht es letztlich: Die britischen Muslime müssen helfen, den Extremismus in ihren eigenen Reihen zu drosseln, einzudämmen, herauszufordern. Möglicherweise keimt in diesen Tagen eine neue Bereitschaft, wirklich Teil der britischen Gesellschaft zu werden.

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