«Amerikanern ist Flüchtlingsproblem egal»

Eine der Hauptursachen für den Flüchtlingsstrom nach Europa ist der Krieg in Syrien. SRF-Reporter Kurt Pelda berichtet regelmässig aus dem Krisengebiet. Im Interview zum Sammeltag der Glückskette spricht er unter anderem über die Motive der Flüchtlinge.

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SRF-Reporter über die Ursachen der Massenflucht

2:17 min, vom 15.9.2015

SRF: Kurt Pelda, wir wissen, in Syrien herrscht Krieg. Dennoch nochmals die Frage: Vor was ganz konkret flüchten die Menschen dort?

Kurt Pelda: Vor Allem vor den Bomben, die Präsident Assad abwerfen lässt. In zweiter Linie aber auch vor der Barbarei des IS und anderer islamistischer Rebellengruppen.

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Kurt Pelda

Kurt Pelda

Der Schweizer Kurt Pelda arbeitet seit 30 Jahren als Kriegsreporter. Er berichtet unter anderem für SRF, «Spiegel» und «Weltwoche» von den Brennpunkten dieser Welt – darunter Afghanistan, Libyen und Syrien.

Im Westen wollen Viele helfen, auch die Schweiz. Aber weshalb nehmen nicht die reichen Golfstaaten mehr Flüchtlinge auf?

Ganz einfach, diese autoritären Staaten wollen sich keine Revolution importieren. Die helfen zwar intensiv in Syrien und in den Nachbarländern, wollen sich jedoch keine Aufrührer ins Land holen.

Die Flüchtlinge müssen sich also andere Ziele suchen. Weshalb wählen gerade jetzt derart viele die Balkanroute nach Europa?

Das hat einerseits mit der Türkei zu tun, die in den letzten 12 Monaten ungefähr eine Verdoppelung der Flüchtlinge erlebte. Die Menschen gingen in die Türkei. Im Sommer sagte Ankara dann «wir haben genug, die nächste Flüchtlingswelle wird nach Europa überschwappen.» Genau das ist dann auch passiert. Dann haben die Griechen, die Flüchtlinge bis dahin in die Türkei zurückgebracht hatten, ihre Grenzen geöffnet.

Der Dritte Faktor sind die Aussagen der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, dass man hunderttausende von Flüchtlingen aufnehmen würde. Das erzeugte eine Sogwirkung. So klagte mir erst gestern auf einer Fähre im Mittelmeer ein Flüchtling sein Leid, durch die jüngste Grenzschliessung hinters Licht geführt worden zu sein. Habe er doch angesichts der Signale aus Berlin sein Hab und Gut verkauft um nach Deutschland zu gehen, nun wisse er nicht mehr weiter.

Kommen wir zum Schluss nochmals zum Ursprung der Krise, dem Krieg in Syrien. Sehen Sie da in absehbarer Zeit eine politische Lösung?

Nicht solange Europa Probleme hat, mit einer Stimme zu sprechen. Dafür bräuchte es eine gemeinsame Aussenpolitik. Den Amerikanern ist das Flüchtlingsproblem ein Stück weit egal, da sie nicht darunter leiden. Die Europäer dagegen können nicht wirklich mit Macht eingreifen und auf eine diplomatische Lösung zusteuern. Es sieht also danach aus, dass sich das Problem verschärfen wird. Der Krieg wird schlimmer werden und es werden noch sehr viel mehr Flüchtlinge kommen.

Das Interview führte Susanne Wille im Rahmen der Spezialsendung zum Sammeltag der Glückskette.