Alternative zur EU Ankara hat ein Auge auf Kosovo geworfen

Im Balkanland lebt eine islamische Mehrheit. Mit neuen Moscheen bringt sich die Türkei als Alternative zur EU ins Spiel.

Auf dem Balkan hat die EU nicht mehr die Attraktivität und auch nicht mehr die Autorität, die sie noch vor ein paar Jahren hatte. Zu sehr ist sie mit sich selber beschäftigt. Deshalb werden jene Balkanstaaten, die noch immer vor der Türe der EU warten, weniger berechenbar. Kosovo mit seiner islamischen Mehrheit zum Beispiel hat ein offenes Ohr gegenüber der Türkei. Und diese nützt das aus.

Prizren im Süden Kosovos hat eine der schönsten Altstädte auf dem Balkan. Ein Brunnen sprudelt vor der Sinan-Pasha-Moschee. Das bedeutende Kulturdenkmal stammt aus der Zeit, als der Balkan von den türkischen Osmanen beherrscht wurde. Vor sechs Jahren wurde die Moschee mit Geldern von Tika, der staatlichen türkischen Agentur für Internationale Zusammenarbeit, restauriert.

Türkisches Geld steckt in religiösen Bauten

Bauwerke aus osmanischer Zeit wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen ist eine der typischen Aktivitäten, mit denen die Türken ihren Einfluss auf dem Balkan ausbauen. «In der kurzen Zeit von 2011 bis 2015 haben sie 30 Moscheen restauriert und 20 neue gebaut, nicht nur in Prizren, sondern in ganz Kosovo», sagt Arbana Xharra, die ehemalige Chefredaktorin der Zeitung «Zëri». Sie kritisiert die starke religiöse Komponente des türkischen Engagements.

«  Türkische Investoren haben dagegen kein Problem mit Korruption. Sie haben es deshalb umso leichter. »

Lavdim Hamidi
Wirtschaftsjournalist

Noch wichtiger als die Gelder für Kultur und Bildung sind aber die Investitionen in die Wirtschaft, sagt Wirtschaftsjournalist Lavdim Hamidi, ein Kenner der türkischen Investitionen auf dem Balkan. «Bei der Privatisierung von Staatsunternehmen hat die Türkei wichtige strategische Firmen gekauft.»

Korruption schreckt europäische Investoren ab

Dazu gehörten zum Beispiel der Flughafen von Pristina und das kosovarische Elektrizitätsnetz. «Sie war auch interessiert an der Kosovo Telekom», sagt Hamidi. Die Türkei sei zudem an dem Konsortium beteiligt, das milliardenschwere Aufträge im Autobahn- und Eisenbahnbau erhielt. Und: Vier von zehn Banken seien in türkischer Hand. «Das Problem ist, dass wir in Kosovo grosse europäische Investoren verloren haben; die Korruption hier schreckt sie ab.»

Eine Frau mit Kopftuch an einem Auto, im Hintergrund Wahlplakate. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Am Sonntag finden in Kosovo die vorgezogenen Parlamentswahlen statt. Keystone

Türkische Investoren dagegen hätten kein Problem mit Korruption. Sie hätten es deshalb umso leichter, so Hamidi. Mit dem türkischen Einfluss hat sich auch Florian Qehaja vom Zentrum für Sicherheitsstudien in Pristina befasst.

Er sieht einen wichtigen Unterschied zwischen der Einflussnahme der Türkei und jener der arabischen Länder. «Im Fall der Golfstaaten werden die verschiedenen Aktivitäten nicht von den Regierungen aus zentral gesteuert.» Im Fall der Türkei sei das anders, sagt Qehaja: «Hier geht es um eine gezielte Politik, die politische, wirtschaftliche und religiöse Elemente verknüpft.»

Der Experte erklärt auch, wer in Kosovo dem türkischen Engagement am meisten Sympathie entgegen bringt.

«  Viele Gläubige in Kosovo sehen in Präsident Erdogan inzwischen einen ihrer religiösen Führer. »

Florian Qehaja
Zentrum für Sicherheitsstudien in Pristina

Es seien nicht die zwei bis drei Prozent an radikalen oder fundamentalistischen Muslimen, und auch nicht die grosse Mehrheit der Kosovaren – die schätzungsweise 70 Prozent, die ihre Religion nur bei Hochzeiten und Beerdigungen praktizierten. Sondern die Gruppe dazwischen: Die 25 Prozent, die dem gemässigten Islam anhängen, wie er auf dem Balkan Tradition hat.

«Diese Gläubigen haben am meisten von der türkischen Hilfe profitiert. Und viele von ihnen sehen in Präsident Erdogan inzwischen einen ihrer religiösen Führer», sagt Qehaja. Das sei völlig neu. Bis vor kurzem sei die Türkei in Kosovo noch als Vorbild für einen nicht-religiösen Staat wahrgenommen worden.

Kein Einlenken bei Schliessung von Gülen-Schulen

Bei der Mehrheit der Bevölkerung stellt die Türkei aber keine Alternative für den Weg Richtung EU-Mitgliedschaft dar. Das hat sich zum Beispiel gezeigt, als es um die zahlreichen Schulen im Land ging, die mit der Bewegung des türkischen Geistlichen Fethullah Gülen verbunden sind. Erdogan macht Gülen für den Putschversuch im letzten Sommer in der Türkei verantwortlich und verlangte von der Regierung Kosovos, dass auch sie alle Gülen-Schulen schliesst.

Die Regierung lehnte das Begehren aber höflich ab. Sie wollte in der Öffentlichkeit nicht als Handlangerin Erdogans dastehen. Die Türkei ist in Kosovo zwar zu einem wichtigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktor geworden, aber als politische Alternative zur EU hat sie sich bisher nicht etablieren können.