Australien wie Austria: Briefwähler als Zünglein an der Waage

Die regierenden Konservativen sind von Australiens Wählern abgestraft worden. Nach den bisherigen Ergebnissen haben sie ihre Mehrheit verloren und liegen gleichauf mit der Opposition. Die Entscheidung könnten nun die Briefwahlstimmen bringen.

Video «Noch kein Ergebnis nach Wahlen in Australien» abspielen

Noch kein Ergebnis nach Wahlen in Australien

1:07 min, aus Tagesschau vom 3.7.2016
  • Regierung und Opposition kommen auf gleich viele Sitze
  • Auszählung dauert wohl bis Dienstag an
  • Briefwahlstimmen könnten entscheiden – dort liegen Konservative traditionell meist vorn

Nach nur drei Amtsjahren und herben Mandatsverlusten bei der Parlamentswahl muss die konservative Regierungskoalition in Australien um ihre Macht bangen. Sie verlor bei der Parlamentswahl am Samstag nach Hochrechnungen womöglich mehr als 14 Sitze.

Warten bis Dienstag oder noch länger

Das Ergebnis war so eng, dass die Wahlkommission nicht wie erwartet einen Sieger küren konnte. Nach ihren Angaben hatte die Koalition am Sonntag nur 67 Mandate so gut wie sicher, die linke Labor-Opposition 71.

Fünf Sitze dürften an die Grünen und unabhängige Abgeordnete gehen, in elf Wahlkreisen war das Ergebnis noch völlig offen. Im Parlament mit 150 Sitzen sind für eine Mehrheit 76 Mandate nötig. Bislang hatte die Koalition 90 Sitze, Labor 55.

Das Ergebnis ist noch vorläufig, da Briefwahlstimmen und solche, die schon vor dem Wahltag in einigen Wahllokalen abgegeben worden waren, überraschend erst Dienstag ausgezählt werden sollten. Einen Grund dafür nannte die Wahlkommission nicht.

In Australien herrscht Wahlpflicht. Wer verhindert ist, kann seine Stimme vorab abgeben oder brieflich wählen.

Alle fühlen sich wie Sieger

«Ein klareres Ergebnis wäre uns lieber gewesen», sagte Regierungschef Malcolm Turnbull am Sonntag. «Ich bin aber zuversichtlich, dass wir eine Mehrheit für die Koalition zusammenbekommen.» Traditionell gingen Briefwahlstimmen mehrheitlich an die Konservativen.

Zusatzinhalt überspringen

Vorwurf des Wahlbetrugs

Turnbull warf der Labor-Partei Wählerbetrug vor. Sie hatte während der Stimmabgabe tausende SMS verschickt mit der Warnung, die Regierung wolle den Gesundheitsdienst Medicare privatisieren. Viele Empfänger dachten, die Botschaft käme von Medicare direkt. «Diese Lüge hat uns leider Stimmen gekostet» sagte Turnbull. Die Polizei nahm Ermittlungen auf.

Oppositionsführer Bill Shorten feierte den Gewinn von wahrscheinlich mindestens 17 Mandaten wie einen Sieg. «Labor ist zurück!» rief er vor jubelnden Anhängern.
Turnbull war erst seit September im Amt. Er hatte den oft in Fettnäpfchen tretenden Wahlsieger von 2013, Tony Abbott, gestürzt. Das hat in Australien fast schon Tradition: Seit 2010 wurde der Regierungschef dreimal bei parteiinternen Revolten gestürzt, zweimal innerhalb der Labor-Partei, die 2013 abgewählt wurde.

Wirtschaftliche Krise in Australien

Turnbull hatte im Mai beide Parlamentskammern aufgelöst, um den Weg für Reformen zu ebnen. Er hatte die Auflösung des Parlaments damit begründet, dass unabhängige Abgeordnete im Senat wichtige Reformprojekte blockieren würden.

Die australische Wirtschaft leidet unter dem ersten Abschwung im Bergbau seit einem Jahrhundert. Turnbull plant deshalb massive Steuererleichterungen für Unternehmen. Zugleich ringt die Regierung darum, den Staatshaushalt nach Jahren des Schuldenmachens zu sanieren.

Turnbull war mit dem Versprechen von mehr Wachstum und Arbeitsplätzen angetreten. Labor-Chef Shorten versprach mehr Ausgaben für Bildung und das Gesundheitswesen. Aus Rücksicht auf die mächtige aber klimaschädliche Kohleindustrie mieden beide das Thema Klimawandel.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Nach Wahlen: Schwierige Regierungsbildung in Australien

    Aus Tagesschau vom 2.7.2016

    Nach überraschenden Stimmenverlusten der konservativen Regierungskoalition steuert Australien nach den Parlamentswahlen auf eine schwierige Regierungsbildung zu. Nach wochenlangem Kopf-an-Kopf-Rennen hatte die Koalition in letzten Umfragen noch leichte Zuwächse verzeichnet. Politologen erklärten das mit dem Brexit-Votum in Grossbritannien. Einschätzungen von Urs Wälterlin, SRF-Korrespondent in Sydney