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International Bernie Sanders: der neue Roosevelt oder eher Don Quijote?

So sozialistisch wie der demokratische Präsidentschaftsanwärter Bernie Sanders war vor ihm nur der 32. US-Präsident, Franklin D. Roosevelt. Wer in Sanders politisches Leben eintaucht, dem kommt aber auch unweigerlich Cervantes Don Quijote in den Sinn. Im Kampf gegen die Windmühlen des Kapitalismus.

Senator Bernie Sanders spricht in Iowa. Er hält mahnend einen Zeigefinger in die Höhe.
Legende: Bernie Sanders beklagt den durch Geld korrumpierten US-Politik-Betrieb. Und das seit 40 Jahren. Reuters

Bernie Sanders ist alt. Bernie Sanders ist eigensinnig. Bernie Sanders könnte der nächste US-Präsident sein. Auch wenn die Polit-Auguren in Washington dem 75-Jährigen kaum eine Chance gegen die demokratische Spitzenkandidatin Hillary Clinton einräumen, im Gedröhn der amerikanischen Vorwahlen hebt sich der demokratische Senator mit seiner unaufgeregten Geradlinigkeit angenehm ab. Doch wer ist dieser Mann?

Sozialist – aber ein demokratischer

Zu allererst ist Bernie Sanders ein Sozialist. In der Schweiz würde er wegen seiner liberalen Einstellung zum Waffenrecht wohl zum rechten Flügel der SP zählen. In den USA gehört Sanders zum Schreckens-Inventar der Neoliberalen.

Damit das nicht in einen national-kollektiven Abwehr-Impuls mündet und ihn von der Politbühne fegt, bezeichnet sich Sanders selbst raffiniert als «Demokratischen Sozialisten». Was der 75-jährige Senator aus dem nordöstlichen Bundesstaat Vermont damit meint, wird er derzeit nicht müde, an zahllosen Vorwahl-Veranstaltungen unter die – oft auffallend jungen – Anhänger zu bringen.

Das Schicksal seiner jüdischen Familie hat ihn geprägt

Sein grosses Thema ist die Ungleichheit der Gesellschaft. Zum Beispiel seine Empörung darüber, dass laut Analysen der Federal Reserve Bank of New York 43 Prozent aller Studenten in den USA unter ihren Studien-Schulden ächzen.

Oder seine Schätzung, wonach 1 Prozent der US-Bevölkerung mehr besitzt als die restlichen 90 Prozent zusammen. Und Sanders weiss, was es bedeutet, am unteren Rand einer Hire-and-Fire-Gesellschaft zu leben.

1941 als Sohn eines jüdischen Einwanderers aus Polen in New York zur Welt gekommen, ist ihm das Leben der arbeitenden Unter- und Mittelschicht bestens bekannt.

Sein Biograph Harry Jaffe («Why Bernie Sanders Matters») beschreibt in seinem Buch, wie der ewige Streit um das wenige Geld in seiner Familie sein politisches Denken geprägt und sein politisches Handeln auf Lebenszeit sozialistisch imprägniert hat.

Kämpfer gegen die Bonzen

Was ihn indessen für seine Fans so valabel macht, sind nicht in erster Linie die markigen Worte, mit denen er die Chancen-Ungleichheit, die Umweltverschmutzung, die inadäquate Gesundheitsversorgung oder auch den globalen Handel geisselt.

Legende: Video Bernie Sanders attackiert die Reichen (unkomment./engl.) abspielen. Laufzeit 00:41 Minuten.
Aus News-Clip vom 02.02.2016.

Die jungen demokratischen Wähler lieben ihn für seinen augenscheinlich konsequenten Abstand zum kapitalgesteuerten Polit-Estabglishment und dessen unverblümter Selbstgerechtigkeit.

Deutlich wird das in Quotes wie diesem: «Wir erlauben es nicht, das grosse Konzerne und die Interessen der Vermögenden unsere Umwelt zerstören und nur den Reichen den Zugang zu Bildung und Gesundheit ermöglichen. Diese Forderungen sind für mich – offen gesagt – Demokratie.» Und selbst junge Frauen nehmen Sanders das Versprechen der Gleichberechtigung eher ab, als der feministischen Gallionsfigur Hillary Clinton.

Die jungen Frauen haben ein Herz für den alten Mann

Wo seine Stärken liegen, wird auch deutlich, wenn man die Diskurse seiner Anhänger und seiner Feinde auf Socialmedia verfolgt. Da ist dann die gesamte Bandbreite amerikanischer Wahl-Folklore abgebildet, von hysterischer Verdammnis bis frenetischem Applaus.

Bernie Sanders 2.0

Sollte dem zweimal verheirateten Sanders unerwartet das Unmögliche gelingen, müsste sich auch das Amerika der Clintons warm anziehen. Denn selbst bei Themen, bei denen man kraft seiner Geburt (viele seiner Verwandten starben im Holocaust) eine konservative Haltung voraussetzen würde, überrascht Sanders mit abgeklärten Ideen.

...und der alte Mann hat eins für die Palästinenser

Den amtierenden israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu hält er frank und frei für eine Fehlbesetzung. In der «Times of Israel» vom 6. Februar lässt er sich mit dem Satz zitieren: «In that region, sadly on both sides, I don't think, we have the kind of leadership that we need.» (Ich glaube nicht, dass wir in dieser Region die Führung haben, die wir brauchen).

Er verlangt zudem, dass die US-Regierung mit den Palästinensern zusammenarbeitet, um deren «...seit dem Gaza-Krieg noch desaströseren Lebensbedingungen zu verbessern.» Und auch bezüglich des US-Erzfeindes Iran schlägt der Mann mit der zerzausten grauen Mähne Töne an, die manch einem republikanischen Falken die Federn umlegen dürften.

«Wir müssen uns so aggressiv wie möglich um eine Normalisierung der Beziehungen zum Iran bemühen. Die Alternative heisst Krieg», sagte Sanders anlässlich der ersten Präsidentschaftsdebatte am 4. Februar. Und die Menge tobte begeistert.

Ob der zweifache Familienvater aus Vermont dereinst als der geistige Erbfolger des ersten und einzigen sozialistischen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt in die Geschichte eingehen wird, oder als quirliger, aber letztlich machtloser Don Quijote gegen die Wall-Street, das wird sich wohl erst Ende Juli mit Bestimmtheit sagen lassen.

Quellen für diese Geschichte
Biography.com, Link öffnet in einem neuen Fenster / Meet Bernie Sanders, Link öffnet in einem neuen Fenster
Jewish Virtual Library, Link öffnet in einem neuen Fenster / US-Senat.gov, Link öffnet in einem neuen Fenster
Feelthebern.org, Link öffnet in einem neuen Fenster / Bioguide.Congress.gov, Link öffnet in einem neuen Fenster
Realclearpolitics.com, Link öffnet in einem neuen Fenster / Washington Times, Link öffnet in einem neuen Fenster
Politico Magazine, Link öffnet in einem neuen Fenster / Britannica.com, Link öffnet in einem neuen Fenster
Wikipedia, Link öffnet in einem neuen Fenster / Twitter @BernieSanders, Link öffnet in einem neuen Fenster
votesmart.org, Link öffnet in einem neuen Fenster

Sanders Ansichten

  • Anti-Vietnam-Aktivist
  • Gegen die Irak-Invasion und den USA Patriot Act
  • Für eine Bürgerversicherung
  • Gegen Freihahndelsabkommen
  • Für das Recht auf Waffenbesitz
  • Für die Cannabis-Legalisierung
  • Gegen den monetarisierten Wahlkampf
  • Für Nachhaltigkeit in der Wirtschaft
  • Für ein allen offenes Eherecht
  • Für die Abschaffung von Studiengebühren

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Es könnte durchaus sein, dass der Aufstieg von B. Sanders weitergehen könnte. Als nächstes stehen bei den Demokraten die Vorwahlversammlungen in Nevada an. Nevada war von der Immobilienkrise besonders betroffen, da dürften B. Sanders mit seiner These, dass das Geschäftsmodell von Wall Street Betrug wäre, auf offene Ohren stossen, während H. Clintons Nähe zur Wall Street ihr in diesem Staat zum Verhängnis werden könnte.
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    1. Antwort von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
      2) Ausserdem hat sich bei Wahlen in Nevada in den vergangenen Jahren eine erhebliche Anti-Establishment-Stimmung gezeigt. Vor sechs Jahren konnte der demokratische Mehrheitsführer im Senat seinen Sitz nur knapp gegen eine Kandidatin von der Tea Party-Fraktion der Republikaner verteidigen.
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  • Kommentar von Cherubina Müller (Republic of Lakotah)
    Als Obama gewählt wurde habe ich mich riesig gefreut, desto grösser ist die Enttäuschung heute, seine Amtszeit ist durch blutige Kriegseinsätze, hunderttausenden toter Menschen, der Aufrüstung von islamistischen Rebellen und dem Genozid an Christen und anderen religiösen Minderheiten in Syrien und dem Irak, geprägt. Clinton würden diese Politik weiterführen, da wäre sogar Trump aussenpolitisch ein Friedensengel dagegen, Sanders ist einfach ehrlicher und menschlicher als Clinton.
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  • Kommentar von Walter Wieser (Walt)
    Und ich sage (schreibe) es noch einmal: Hillary wird ihre Nomination zurueckziehen MUESSEN, (Email- und Benghazi Skandal.) Die Demokraten sind in Schwierigkeiten weil sie Sanders nicht nominieren WOLLEN. So bleibt ihnen nichts anderes mehr uebrig als Biden, Warren, Pelosi, Reid und oder Bloomberg ins Rennen zu werfen. Zu spaet, verlieren werden sie so oder so.
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