«Bisher hat Deutschland andere die Drecksarbeit machen lassen»

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich Deutschland als Friedensnation neu erfunden. Das ändert sich nun. Man will sich nicht länger aus der Machtpolitik heraushalten. Doch viele Deutsche hätten sich noch nicht wieder daran gewöhnt, ihr Land als Kriegsmacht zu sehen, sagt ein deutscher Historiker.

Ein Fuss schert in stramm stehenden Soldaten aus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fertig Saubermann-Image: Deutschland kann sich nicht länger aus der Geschichte heraushalten, sagt ein Historiker. Keystone

Der Bundestag sagte am Freitag Ja zu einem Militär-Einsatz gegen die Terror-Organisation Islamischer Staat in Syrien. Damit können Aufklärungs-Flugzeuge in die Türkei verlegt werden.

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Philipp Blom

Philipp Blom

zvg

Der deutsche Historiker arbeitete für verschiedene europäische Zeitungen und Radiosender. Er ist Autor mehrerer Sachbücher zur Geschichte Europas.

SRF News: Der Entscheid, dass Deutschland sich an einem Militäreinsatz gegen die Terrormiliz IS beteiligt, wirft in Deutschland hohe, emotionale Wellen. Warum?

Philipp Blom: «Deutschland als Kriegsmacht» ist ein Gedanke, an den sich viele Deutsche – aus guten, historischen Gründen – noch nicht wieder gewöhnt haben. Deutschland hat Europa mit einem fürchterlichen Krieg überzogen und hat sich danach zu einer anderen Nation entwickelt. Die wird jetzt in Frage gestellt und das ist eine grosse Debatte wert.

Geht es in dieser Debatte also um ganz grundlegende Identitätsfragen? Etwa um die Frage, was eigentlich das Wesen der deutschen Nation ist, wenn sie nicht nur eine Friedensnation sein kann?

«  Man hat andere Mächte die Drecksarbeit machen lassen, um das eigene Image der Friedensnation pflegen zu können. »

Deutschland hat sich in der Nachkriegszeit als Friedens- und Wohlstandsnation neu erfunden und damit auch grossen Erfolg gehabt. Aber natürlich hat sich Deutschland auch an Auslandeinsätzen beteiligt. Das geschah immer nur indirekt, durch Geld oder ähnliches. Man hat andere Mächte die Drecksarbeit machen lassen, um selber das eigene Image der Friedensnation pflegen zu können. Das beginnt, sich zu ändern. Man könnte sagen, Deutschland und Europa treten wieder in die Geschichte ein.

Würden Sie sagen, Deutschland ist dabei, eine normale Nation zu werden, die auch lernen muss, verantwortungsvoll mit Macht umzugehen?

Ich weiss nicht, ob wir den Tag sehen werden, an dem Deutschland eine ganz normale Nation sein wird. Gleichzeitig stellt sich natürlich die Frage, ob nicht jede Nation in gewisser Weise abnormal ist. Aber wer Macht hat, muss sie auch vertreten können. In diesem Fall geht es nur darum, dass der IS mit seinen Terrorakten eine Bedrohung innerhalb Europas darstellt.

Deutschland ist mit den hunderttausenden von Flüchtlingen, die ins Land gekommen sind, in einer besonderen Situation. Das hat eine erdrutschartige Debatte ausgelöst. Ich glaube, viele deutsche Politiker haben begriffen, dass sie sich aus der Geschichte und der Machtpolitik nicht länger heraushalten können. Sie erkennen, dass die einzige Konsequenz, wenn sich der IS mehr ausbreitet, nochmals hunderttausende von Flüchtlingen sind.

Damit droht ihnen, die Situation im eigenen Land immer mehr zu entgleiten. Ich denke, das hat viel damit zu tun, dass Deutschland sich nun entschlossen hat, an diesem Einsatz teilzunehmen.

Die Fraktionschefin der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, bezeichnet es als Wahnsinn, dass nach den Anschlägen in Paris nun syrische Städte bombardiert werden. Lässt sich diese Aussage in den historischen Diskurs einreihen?

Bombenkrieg als Terror spielt in der deutschen Geschichte eine wichtige Rolle. Die Bombardierungen Dresdens und Hamburgs waren Terrorbombardements. Man versuchte explizit, die Bevölkerung damit zu terrorisieren und zu demoralisieren.

Man hat das Gefühl, das schwingt bei Sahra Wagenknecht etwas mit, wenn sie «Bombenkrieg ist Terror» sagt. Gleichzeitig muss man sich fragen, was die Alternativen sind. Deutschland schickt Aufklärungsflugzeuge. Damit nimmt das Land am Krieg teil. Es wird natürlich behauptet, Aufklärungsflugzeuge zu schicken, sei noch kein Bombenkrieg. Aber Deutschland hat sich entschlossen, an der Seite Frankreichs in diesen Konflikt einzutreten.

«  Der Satz ‹Deutschland ist im Krieg›, würde keinem deutschen Politiker über die Lippen kommen, auch wenn es de facto so ist. »

Nach den Terroranschlägen von Paris wollte die deutsche Regierung, ganz anders als Frankreich, bewusst nicht von Krieg sprechen. Womit hat das zu tun?

Mit den unterschiedlichen Erinnerungskulturen der beiden Länder. Im letzten Krieg, den Frankreich geführt hat, hat es sich als Siegermacht darstellen können, wie England auch. In diesen beiden Ländern ist Krieg nicht unbedingt negativ. Der Satz «Deutschland ist im Krieg», würde keinem deutschen Politiker über die Lippen kommen, auch wenn es de facto so ist.

Wurde der Bogen zwischen einer historischen Kriegsschuld von Hitlerdeutschland und der aktuellen Diskussion über einen deutschen Einsatz gegen den IS, etwas überspannt?

Ich glaube nicht. Der letzte deutsche Krieg ist erst zwei Generationen her. Solche historischen Traumata können lange Schatten werfen. Vielleicht ist das nun der Moment, in dem Deutschland aus diesem Schatten heraustritt. Dass es eine komplizierte Situation ist, nicht nur militärisch, sondern auch moralisch, ist klar.

«  Wer ‹nie wieder Krieg› ruft, muss auch wissen, was er tut, wenn er angegriffen wird. »

Deutschland hat sich nach dem Krieg radikal neu erfunden. Es hat sich von einer martialischen zu einer Friedensgesellschaft umgestaltet. Aber das hat natürlich auch immer etwas mit Naivität zu tun. Wer «nie wieder Krieg» ruft, muss auch wissen, was er tut, wenn er angegriffen wird.