Brasiliens Behinderten-Gesetze sind top – die Realität weniger

In Rio beginnen heute die olympischen Spiele für behinderte Sportler. Brasilien hat weltweit eine der vorbildlichsten Gesetzgebungen für behinderte Menschen. Doch die Umsetzung harzt. Gerade das paralympische Dorf ist für behinderte Sportler nur teilweise geeignet.

Zwei Beinprothesen stehen vor dem Logo der paralympischen Spiele von Rio. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bei den paralympischen Spielen treten auch gehbehinderte Sprinterinnen und blinde Fussballer an. Keystone

Barrierefreiheit ist angesichts der heute beginnenden Olympischen Spiele für Behinderte in Brasilien quasi eine Kardinalsforderung. Die Möglichkeit, dass auch Menschen mit Behinderungen vollen Anteil am öffentlichen Leben haben können, ist in Brasiliens Gesetzgebung fest verankert. Dass die Realität am Zuckerhut anders ausschaut, zeigt ein Gespräch mit Journalist Ronny Blaschke, der sich mit gesellschaftlichen Fragen des Sports beschäftigt.

SRF News: Ist diese Gesetzgebung mehr als nur toter Buchstabe?

Ronny Blaschke: Die Verfassung ist sehr interessant, weil sie zum Beispiel zwei offizielle Amtssprachen benennt. Neben dem Portugiesischen gibt es auch die Gebärdensprache Libras. Auf dem Arbeitsmarkt gelten zuweilen Quoten für Menschen mit Behinderungen. Aber die vielen Millionen Menschen, die in den Favelas leben, können sich davon nicht viel kaufen. Dort gibt es keine Barrierefreiheit, gibt es keinen Zugang zu Medizin, modernen Rollstühlen oder Prothesen. Es herrscht also ein starker Kontrast, wie überall in diesem Land.

Gibt es auch positive Beispiele dieser Barrierefreiheit?

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Ronny Blaschke

Ronny Blaschke

Imago

Der Journalist beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Fragen des Sports. 2009 wurde er für einen Beitrag in der «Zeit» über die Nazi-Unterwanderung eines Leipziger Fussballvereins zum Sportredaktor des Jahres ausgezeichnet.

Die Touristenattraktionen wie der Zuckerhut hier in Rio de Janeiro oder die U-Bahn sind schon barrierefrei. Ähnlich ist es in Sao Paulo. Deshalb werden die Paralympics als Symbol sehr wichtig genommen. Inzwischen sind auch zwei Drittel der Stadtbusse technisch erweitert, damit auch Rollstühle mitfahren können.

Und hat man als Sehbehinderter in einem Restaurant in Rio die Möglichkeit, das Menu in Blindenschrift zu lesen?

Ich glaube, da sind die Unterschiede sehr gross. In den Touristenführern gibt es spezielle Angebote und Hotels. Wenn nun aber die vielen Menschen mit Behinderungen nach Rio de Janeiro kommen, dürften sie es nicht so einfach haben. Das paralympische Dorf war vorher das olympische Dorf und ist zum Beispiel auch nicht durchgehend barrierefrei. Da hätte man meiner Meinung nach ein grösseres Zeichen setzen können und diesen künftigen Stadtteil von Beginn weg barrierefrei gestalten können.

Ist also trotz des Verfassungsauftrags die Sensibilität noch zu klein?

In den Bewerbungsunterlagen für die Paralympics wurde die Barrierefreiheit oft nicht herausgestrichen. London und Vancouver setzten zwar Massstäbe und waren weiter als Rio de Janeiro. Aber auch in der deutschen Bewerbung hätte man das noch ausführlicher machen können.

«  Das paralympische Dorf ist nicht durchgehend barrierefrei. »

Ronny Blaschke
Journalist

Werden die Paralympics in Brasilien etwas zum Guten verändern?

Brasilien ist ja sehr gross. In Rio wird das aber sicher so sein. Die Leute hier wissen zwar nichts über die Paralympics, aber wenn die brasilianischen Sportler erfolgreich sein werden, zum Beispiel das Fussballteam, dann könnte in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein entstehen. Dieses könnte schliesslich auf den Lebensalltag übertragen werden.

Als Behinderte in der Metropole Rio

4:18 min, aus Rendez-vous vom 07.09.2016

Aber für die behinderten Menschen in den Favelas werden auch diese Spiele nichts ändern?

Vielleicht ein bisschen etwas. Es gibt zum Beispiel ein neues Leistungszentrum für die paralympischen Sportlerinnen und Sportler in Sao Paulo. Davon sollen Menschen aus allen gesellschaftlichen Gruppen profitieren. Mehr als 50 Sportlehrer und Physiotherapeuten wurden dort im Umgang mit Menschen mit Behinderungen geschult. Das ist aber nur eine kleine Verbesserung, vieles bleibt noch zu tun.

Das Gespräch führte Simon Leu.