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Tierschutz & Textilproduktion Das Leiden der Lämmer: Tierquälerei für Merino-Wolle

Im Schal, Pulli oder für die Funktionswäsche: Merinowolle ist teuer und gilt als besonders angenehm im Tragen. Was die wenigsten wissen: Für reine Wolle schneiden Farmer den Schafen oft ganze Hautlappen weg. «Kassensturz» zeigt die brutalen Methoden und wie wenig die Textilindustrie dagegen macht.

Legende: Video Kassensturz vom 07.03.2017 abspielen. Laufzeit 33:28 Minuten.
Aus Kassensturz vom 07.03.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Hälfte aller Schafe in Australien sind Merinoschafe. Weil sie Hautfalten um den After haben, legen dort Fliegen ihre Larven ab.
  • Um dies zu verhindern wird den Lämmern ohne Narkose Haut weggeschnitten. Diese Prozedur nennt sich Mulesing.
  • Die Bekleidungsindustrie tut wenig gegen diese schmerzhafte Prozedur.
  • Es gibt jedoch schon Qualitäts-Labels, die mulesingfreie Schafzucht bescheinigen.

Von den über siebzig Millionen Schafen in Australien sind rund die Hälfte Merinoschafe. Ihre Wolle gilt als sehr fein und nicht kratzend. Sie haben jedoch ein Problem: Ihnen haben Farer für eine bessere Woll-Produktion viele Hautfalten angezüchtet.

Ums Hinterteil aber legen Schmeissfliegen ihre Eier in diese Falten ab, besonders wenn die Schafe feuchte, verkotete Wolle haben. Wenn die Maden schlüpfen, fressen sie sich ins Fleisch, was zu Infektionen und dann zum Tod führen kann.

Dieser Schmeissfliegenbefall ist vor allem in Australien, aber auch im kühleren Neuseeland ein Problem. Dagegen gibt es verschiedene Massnahmen:

  • Wahl von weniger anfälligen Schafen
  • regelmässiges Scheren der gefährdeten Stellen an den Hinterbeinen
  • entwurmen
  • managen der Beweidung, dass es weniger verklumpte und feuchte Wolle gibt
  • auftragen von Insektiziden auf den Pelz
  • oder das sog. Mulesing.

«Mulesing»: Haut ohne Narkose wegschneiden

Mulsing-Station
Legende: Den Lämmern wird ohne Narkose Haut ums After weggeschnitten. SRF

Diese Lämmer sind erst wenige Wochen alt. Arbeiter fixieren sie in einer Schale. Alles was nun folgt, geschieht ohne Betäubung: Ohrmarken setzen, kastrieren, Schwänze abschneiden und dann das sogenannte Mulesing: Die Farmer schneiden am Hinterteil grössere Hautlappen ab - damit sich später auf der vernarbten Haut keine Fliegen festsetzen können.

Schmerzempfinden wie ein Mensch

«Kassensturz» zeigt die Prozedur dem Leiter Tierschutz des Bundesamtes für Veterinärwesen, Kaspar Jörger. «In der Schweiz wäre das Mulesing ohne Vollnarkose nicht möglich», sagt der Tierarzt – ausgenommen das Schwanzabschneiden.

Experte
Legende: Leiter Tierschutz des Bundesamtes für Veterinärwesen, Kaspar Jörger. SRF

«Auch wenn Schafe ihre Schmerzen nicht zeigen, sie leiden. Schafe haben als Säugetiere die gleichen Schmerzempfindungen wie Menschen. Darum sind die zwei grossen Wunden, die nach dem Wegschneiden der zwei grossen Hautlappen am Oberschenkel, sehr schmerzhaft. Es tut sehr weh, sowohl im Moment des Schneidens, aber auch langfristig, wenn die Wunde verheilt. Und sich dabei oft entzündet und anschwillt, was sicher auch Langzeitschmerzen verursacht», sagt Kaspar Jörger weiter.

Wollproduzenten wiegeln ab

Dem Mulesing werden in Australien über 70 Prozent der Merinolämmer unterzogen, das sind rund 25 Millionen Tiere. Der Vizepräsident der australischen Woolproducer-Organisation, Ed Storey, ist überzeugt, dass Mulesing die beste Vorkehrung vor Fliegenbefall ist. Eine Narkose sei bei den grossen Herden nicht praktikabel. Aber 78 Prozent würden neuerdings Schmerzmittel erhalten.

Eine Narkose ist bei den grossen Herden nicht praktikabel.
Autor: Ed StoreyVizepräsident der australischen Woolproducer-Organisation

«Wir benötigen das kommerzielle Produkt Trisolfen, das ist ein Schmerzmittel. Es reduziert das Bluten und heilt die Wunde sehr schnell. Ein gemultes Tier ist etwa einen Tag später wieder Okey. Es findet seine Mutter, sie grasen glücklich auf der Koppel, trinken Milch von der Mutter», erzählt Ed Storey.

Experte
Legende: Der Vizepräsident der australischen Woolproducer-Organisation, Ed Storey. SRF

Australische Farmer sagen, sie würden zum Teil Schmerzmittel anwenden, doch hilft das? Nein, sagt Kaspar Jörger vom Bundesamt für Veterinärwesen: «Schmerzmittel helfen nur die Schmerzen bei der Heilung etwas zu unterdrücken und verhindern dass es zu starken Schwellungen kommt. Aber den Schmerz ausschalten, wie ein Schmerzausschaltungs-Medikament, das machen diese Schmerzmittel nicht.»

13 Kleiderfirmen geben Auskunft

Doch haben für die feine Wolle der Merinobekleidung in Schweizer Läden auch Lämmer gelitten? «Kassensturz» schaut sich bei den Schweizer Textilhändlern um.
Konsumenten erhalten im Laden viele Informationen, aber wenig über das Tierwohl. Nicht mal das Herkunftsland der Wolle muss deklariert werden.

«Kassensturz» fragte deshalb bei zwanzig Modeverkäufern und Outdoorbekleidern wie H&M, Zara, Coop, Migros, Mammut oder Jack Wolfskin nach, welche Tierschutzstandards sie von ihren Lieferanten verlangen und wie sie eine mulesingfreie Produktion garantieren.

Nur dreizehn Unternehmen haben geantwortet. Für «Kassensturz» hat Sara Wehrli vom Schweizer Tierschutz die Antworten analysiert: Viele Firmen forderten von Lieferanten zwar einen Verzicht auf Mulesing, doch das reiche nicht.

«Unser Gesamteindruck ist, dass durchaus ein gewisses Problembewusstsein besteht für das Mulesing. Es ist aber doch so, dass viele Firmen sich versuchen, mit bilateralen Verträgen aus der Problematik versuchen herauszuschleichen. Aber wenn diese Garantien nicht von einer unabhängigen dritten Partei kontrolliert werden, dann sind diese aus unserer Sicht eigentlich nicht zu gebrauchen.»

Es geht auch ohne Mulesing

Dass es auch ohne Mulesing geht, zeigen neuseeländische Farmer, die für das Label «ZQ» produzieren. Dieses schliesst auch noch weitere Tierschutzstandards wie zum Beispiel Schutz vor Überhitzung mit ein. Auch in Australien gibt es ein tierfreundliches Label namens «New Merino».

Die gemäss Tierschutz tierfreundlichsten und transparentesten Markenhersteller in der Kassensturzumfrage, sind die Outdoorbekleider Ortovox oder Icebreaker. Hier können die Kunden die Wolle sogar bis zur Farm zurückverfolgen.

So schnell ändert sich nichts

expertin
Legende: Sara Wehrli vom Schweizer Tierschutz SRF

Von den Textilhändlern fordert der Schweizer Tierschutz deshalb mehr Kontrolle und eine transparente Deklaration, aber auch die australischen Merinofarmer nimmt die Tierschützerin in die Pflicht: «Ganz klar muss die Qualzucht aufhören, dass man den Merinoschafen so extreme Hautfalten anzüchtet, welche die Entzündungen begünstigen. Es gibt Farmer die bereits ohne Mulesing praktizieren, die zeigen auch auf vorbildliche Art und Weise, dass es möglich ist, wirtschaftlich zu produzieren ohne das brutale Verfahren», sagt Sara Wehrli.

Ein Ende des Mulesings ist für die meisten der australischen Merinoschafe noch lange nicht in Sicht. Obschon die Nachfrage nach mulesingfreier Wolle besonders aus Europa immer grösser wird, möchten sich die australischen Farmer noch immer keine Deadline setzen, wann sie mit dem Mulesing aufhören.

Wer Mulesing zulässt

Wer Mulesing zulässt

Was die Schweizer Merino-Verkäufer von Lieferanten verlangen Tabelle PDF

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Carina Bianchi (Carina Bianchi)
    Ich finde es nicht ok das Tieren werden für Mode missbraucht. Es gibt freundliche Textilien. Dass es keine strenge Gesetze gibt finde ich wirklich nicht Ok. Menschen haben eine grausames Verhalten gegenüber Tiere. Unsere Welt ist grausam, es kann enden. Leider ist diese Welt krank, Menschen die für Rechte kämpfen werden immer beschimpft. Es soll mehr Vegane Bekleidung hergestellt werden, Menschen müssen anfangen zu realisieren was hinter Leder und Wolle steckt und für Mode muss kein Tier sterben
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  • Kommentar von Antonietta Tumminello (GoVegan)
    Für Pullover oder Mäntel werden Schafe durch Mulesing verstümmelt und kastriert, häufig ohne Schmerzmittel. Bei nachlassender Wollleistung leiden die Tiere beim grausamen Lebendtransport. Von Australien aus werden jährlich Millionen Schafe in den Nahen Osten verschifft, wo ihnen bei vollen Bewusstsein die Kehle aufgeschnitten wird.
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  • Kommentar von Monika Haug (Frau Müller)
    Wie viel unglaublicher Schmerz müssen die Tiere hier und im fernen Ausland ertragen? Es ist unglaublich, wie sich der Mensch an der Natur an allem bedient, als wäre es sein Eigentum. Das Problem ist nicht nur bei der Wolle, wie auch Angora, Kaschmir, etc. sondern auch beim Leder, das von Bangladesch in die ganze Welt transportiert wird. Die Haut, die den Tieren bei lebendigem Leib abgezogen wird....wie auch beim Pelz...wieso können wir nicht einfach auf tierische Produkte verzichten?
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