Heikler Besuch «Der ägyptische Staat kann die Christen nicht beschützen»

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«Die Christen sind für den IS Mittel zum Zweck»

  • Der Papst reist heute zu einem zweitägigen Besuch nach Ägypten.
  • Er will damit ein Zeichen für den Frieden und den Dialog unter den Religionen setzen.
  • Sein Besuch sei eine «persönliche Geste des Trostes und der Ermutigung für alle Christen im Nahen Osten», sagte er in einer Videobotschaft.
  • Der Besuch steht unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen.
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Astrid Frefel

Portrait von Astrid Frefel

Die Journalistin lebt und arbeitet seit Ende der Neunzigerjahre in Kairo. Davor war die Ökonomin aus Basel Wirtschaftsjournalistin für verschiedene Zeitungen und berichtete als Korrespondentin für den «Tages-Anzeiger» aus Wien und Istanbul.

SRF News: Wie gross ist das Sicherheitsrisiko für den Papst bei seinem zweitägigen Besuch in Ägypten?

Astrid Frefel: Nach den tödlichen Anschlägen am Palmsonntag auf koptische Kirchen und der ausdrücklichen Drohung des sogenannten Islamischen Staates gegen die Christen in Ägypten ist der Papstbesuch tatsächlich mit einem hohen Risiko verbunden. Entsprechend gross sind die Sicherheitsvorkehrungen. Die Armee schützt das katholische Kirchenoberhaupt, auch wurde eine Messe auf ein Militärgelände ausserhalb Kairos verlegt. Trotz der Bedrohungslage wollte Franziskus die Reise aber unbedingt antreten, weil er sie als Ermutigung für alle Christen im Nahen Osten sieht.

Viele Menschen vor einer Kirche, zu sehen auch Palmen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kopten trauern um die Opfer der Anschläge vom Palmsonntag. Keystone

Zehn Prozent der 93 Millionen Ägypten sind Christen, 90 Prozent sind Muslime. Ist die Situation der Christen im Land tatsächlich so erdrückend, wie es dieses Zahlenverhältnis vermuten lässt?

Die Christen hatten grosse Hoffnungen in Staatschef Abdel Fattah al-Sisi gesetzt, weil er die Islamisten entmachtete, welche die Christen als Bedrohung empfunden hatten. Doch bisher hat sich ihre Stellung nicht wirklich verbessert. Die Christen fühlen sich in vielen Bereichen marginalisiert. Auf dem Papier gibt es bloss ein einziges zählbares Ergebnis, es ist dies ein Gesetz zum Bau von Kirchen. Das war früher praktisch verboten, weil für die lokalen Spannungen zwischen Muslimen und Christen meist der Bau von Kirchen verantwortlich ist. Auch das neue Gesetz hat allerdings bisher nicht viel gebracht, weil sich die zivilen Behörden bei Baugesuchen an die Sicherheitsbehörden wenden und diese Kirchenbauten dann meist nicht bewilligen.

Die koptischen Christen

Unter den verschiedenen christlichen Konfessionen ist die koptisch-orthodoxe Kirche in Ägypten vorherrschend. Sie führt ihren Ursprung auf den Evangelisten Markus zurück. Der Begriff «Kopten» leitet sich über das Arabische aus dem griechischen Wort «aigyptios» ab und heisst damit eigentlich nichts anderes als «Ägypter». Geistiges Oberhaupt der Kopten ist seit 2012 Papst Tawadros II. Zu den bekanntesten ägyptischen Christen zählte der frühere UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali (1922-2016). (sda)

Im Februar haben IS-Terroristen auf der Sinai-Halbinsel Christen ermordet oder vertrieben. Kann der ägyptische Staat die Christen überhaupt noch schützen?

Diese gezielten Vertreibungen und die Anschlagsserie gegen die Christen im Nordsinai haben bereits im Dezember in Alexandria begonnen. Es ist dies ein Zeichen, dass der Staat die Christen und ihre Festivitäten nicht schützen kann. Allerdings betrifft der Terror in Ägypten nicht ausschliesslich die Christen. Sie sind aber besonders verbittert, weil sie sehr oft Ziel von Anschlägen sind. Der Unmut darüber hat sich bislang jedoch erst spontan geäussert, es gab noch keine organisierten Proteste.

Anschläge und radikalisierte Islamisten: Wie wirkt sich das auf das Zusammenleben der Muslime und Christen in Ägypten aus?

Die latenten Spannungen zwischen Muslimen und Christen waren schon immer vorhanden. Der «Islamische Staat» attackiert nun genau diese Bruchstellen – wie er das in anderen Ländern auch macht. Der IS will den Staat und seine Strukturen schwächen um so einen guten Nährboden für die Rekrutierung islamischer Extremisten zu schaffen. Die Christen sind dabei so etwas wie das Mittel zum Zweck. Die neun Millionen Christen werden durch den Terror zwar nicht aus Ägypten vertrieben, aber die Spannungen in der Gesellschaft steigen weiter an.

Das Gespräch führte Walter Müller.

Treffen mit dem Grossimam in der Azhar-Moschee

Im Zentrum des Papstbesuchs steht eine Konferenz für den Frieden zwischen den Religionen in der über tausend Jahre alten Azhar-Moschee in Kairo. Es ist dies die angesehenste religiöse Lehrstätte des sunnitischen Islams. Eingeladen dazu hat der Grossimam der Moschee. Es nehmen auch höchste Würdenträger der orthodoxen Ostkirche daran teil. Die Azhar-Moschee hat sich in jüngster Zeit zunehmend deutlich von der Vereinnahmung des Islams durch radikale Kräfte distanziert. Dennoch steht sie unter dem Vorwurf, nicht entschieden genug gegen Extremisten in den eigenen Reihen vorzugehen. Die Begegnung mit dem Papst aus Rom dürfte für den Grossimam der Azhar deshalb Balsam sein.

Auch Staatspräsident al-Sisi wird die Gelegenheit nutzen, um den Besuch des Oberhaupts der katholischen Christenheit als Bestärkung für seinen Kurs darzustellen – und als Beweis seiner Akzeptanz auf dem internationalen Parkett, ungeachtet der beispiellosen Repressionspolitik der ägyptischen Sicherheitskräfte. Die grosse Mehrheit der Kopten ist orthodox. Der Besuch des katholischen Papstes wird von ihr gleichwohl als wichtiges Zeichen der Solidarität in Zeiten der Gefahr gesehen. (solp)