Terror statt Territorium Der IS besinnt sich auf sein Kerngeschäft

Im Irak wächst die Angst, dass die Extremisten zu ihren Wurzeln zurückkehren: Terror um des Terrors willen.

Vor drei Jahren eilte die Terrormiliz IS von Sieg und Sieg. In Windeseile eroberte sie weite Teil des Iraks und Syriens. Auf dem Höhepunkt ihres Vormarsches riefen die Dschihadisten ein Kalifat aus. Die Terrororganisation verfügte damit über ein eigenes Territorium – und trieb ganz profan Steuern ein.

«  Im Westen glaubt man immer: Wenn der IS militärisch erledigt ist, ist man alle Sorgen los und der Terror ist vorbei. Das ist leider nicht so.  »

Birgit Svensson
Journalistin in Bagdad

Mittlerweile ist der IS an allen Fronten auf dem Rückzug. Mit dem absehbaren Sturz der Hochburg Rakka in Syrien steht das «Kalifat» vor seinem endgültigen Zusammenbruch. Schon jetzt ist es um 90 Prozent seiner einstigen Grösse geschrumpft.

Geschlagen ist der IS deswegen aber nicht, sagt Birgit Svensson, Journalistin in Bagdad: «Die Ideologie ist noch lange nicht besiegt. Sie ist in den Köpfen verankert.» Die Iraker hätten schon immer gesagt, dass sich der IS nicht besiegen lasse, indem man ihm das Territorium wegnehme.

IS setzt verstärkt auf Frauen als Kämpfer

Die Terrormiliz setzt einer Studie zufolge verstärkt auf Kämpferinnen, um ihren zunehmenden Mangel an Anhängern auszugleichen. Der IS dränge Frauen dazu, sich aktiv an Kämpfen zu beteiligen, heisst es in einer Analyse des britischen Forschungsinstituts IHT Markit.
Als Folge einer schwindenden Zahl an männlichen Anhängern wolle die Terrormiliz die unerschlossene Reserve mobilisieren. So zählte IHT Markit im Kampf um die nordirakische Stadt Mossul mehr als 40 Selbstmordattentäterinnen – so viele wie nie zuvor.
Es sei unklar, ob es sich dabei um letzte Widerstandsnester oder um den Beginn eines breiteren Trends gehandelt habe, heisst es weiter. Die Miliz veränderte der Analyse zufolge auch ihre Rhetorik. Sie weiche stark von früherer Propaganda ab, die Anhängerinnen vor allem in der Rolle der Ehefrau und Mutter gesehen habe. (sda)
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Birgit Svensson

Birgit Svensson

Die deutsche Journalistin lebt seit 13 Jahren in Bagdad und berichtet von dort für die «Zeit», Deutschlandradio, die Deutsche Welle und SRF.

Vielen Menschen in der Hauptstadt Bagdad schwant Böses. Denn der IS entstand nicht im luftleeren Raum: Er ging aus Al-Kaida im Irak hervor, die sich nach der US-Invasion im zerrütteten Land einnistete.

Die alte Garde der Extremisten destabilisierte mit ihrem blutigen Terror das Land: «Zwischen 2006 und 2008 hat Al-Kaida in Bagdad an einem Bürgerkrieg mitgearbeitet», so Svensson.

Danach waren viele Köpfe der Organisation in amerikanischer Haft. Zu einer Stabilisierung des Irak führte das aber nicht. Im Gegenteil: «In den Gefängnissen haben sie sich mit anderen Extremisten zusammengerottet und den IS ‹verabredet›.»

Das Ziel der «Verabredung» sollte bald erreicht werden: ein eigenes Territorium, das propagandistisch als Kalifat ausgeschlachtet werden konnte.

«  Viele Kinder sind unter dem IS gross geworden und wurden von dieser fürchterlichen Ideologie indoktriniert.  »

Birgit Svensson
Journalistin in Bagdad

Angehörige von IS-Kämpfern im Irak. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Beim irakischen Tal Afar haben sich IS-Kämpfer kurdischen Peschmerga ergeben: Mitsamt ihren Familien. Reuters

Was westliche Beobachter erschaudern liess, wurde im Irak zwiespältig wahrgenommen. «Viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sagten mir: Lasst denen doch die Wüstenprovinz, dann haben wir hier in Bagdad Ruhe.» Jetzt befürchteten viele Hauptstädter, dass sich die Extremisten auf ihre Wurzeln zurückbesinnen: «Sie haben Angst, dass die Hölle losbricht, wenn der IS wieder zum Guerilla-Krieg zurückkehrt.»

Und genau das sei nun der Fall, stellt Svensson fest. Denn in den «befreiten Gebieten» kehrt nicht etwa Ruhe ein, sondern Terror: «Allein in der letzten Woche gab es schwere Attacken auf Städte, vor allem aber auch Ölpipelines.» Letzteres belege, dass die Terroristen daran seien, sich zu reorganisieren: «Sie brauchen Öl, sie brauchen Gas, sie brauchen Geld, um sich und ihren Terror zu finanzieren.»

Die Ruhe vor dem Sturm

Mit Terroranschlägen auf zentrale Energieversorgungsstätten schliesst der IS an die Strategie von Al-Kaida an: «In Kirkuk, der zweitgrössten Ölstadt des Irak, waren die Pipelines damals teils über Wochen und Monate lahmgelegt.» Dadurch seien erhebliche Verluste für die Regierung entstanden. «Ich habe den Eindruck, dass der IS das nun wieder erreichen will», sagt die deutsche Journalistin.

Svensson lebt selbst in Bagdad. Derzeit sei die Lage «relativ ruhig». Aber es sei eine Ruhe vor dem Sturm: «Alle wissen, was kommt. Rund um die Hauptstadt werden immer mehr Schläferzellen entdeckt, die versuchen, Ausrüstung für Anschläge nach Bagdad zu bringen.»

Die Terroristen zu vertreiben, sei das eine, schliesst Svensson: «Den Terror aus den Köpfen zu bringen, ist aber eine viel grössere Aufgabe, als den IS militärisch zu schlagen.»