«Der Krieg war ein grosser Verlust für die Wirtschaft in Israel»

Die Gaza-Operation kostete Israel mehr als drei Milliarden Euro. Vor allem die Tourismus-Branche spürt die wirtschaftlichen Folgen des Krieges. Die Nachwirkungen würden noch lange spürbar sein, sagt Wirtschaftsjournalist Gad Lior.

Ob Weltfinanzkrise oder Krieg: Mehr als ein Jahrzehnt hat Israel alle kritischen Situationen wirtschaftlich nahezu unbeschadet überstanden. Das könnte sich nun ändern. Grund ist der rund 50-tägige Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen. Tourismus und Konsumausgaben haben stark gelitten.

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Gad Lior

Gad Lior

Der Journalist ist Leiter des Büros der grössten israelischen Tageszeitung «Yedioth Ahronoth» in Jerusalem. Er hat mehrere Jahre als politischer Korrespondent in Europa gearbeitet. Lior doziert an Universitäten und ist Gastgeber von Radio- und Fernsehprogrammen, die sich mit aktuellen Themen aus der Politik und Wirtschaft befassen.

SRF News Online: 50 Tage dauerte der jüngste Gaza-Konflikt. Die Spuren werden noch lange sichtbar sein. Gad Lior, kann man auch die wirtschaftlichen Folgen für Israel beziffern?

Gad Lior: Im Krieg gibt es nur Verlierer – in allen Bereichen. Die finanziellen Verluste betragen etwa 15 Milliarden Schekel, das sind rund 3,9 Milliarden Franken. Die Armee gab mit 7 bis 8 Milliarden das meiste Geld aus. Dazu kommen Entschädigungszahlungen. Man muss bedenken: Die Menschen haben 50 Tage nicht gearbeitet. Wegen der effizienten Abwehr gab es in Israel nur wenige Raketentreffer, aber auch diese haben hohe Kosten verursacht.

Mehr als zehn Jahre lang wuchs die israelische Wirtschaft zwischen 3 und 5 Prozent. Nun geraten der Tourismus und die Industrieproduktion unter Druck. Welche Branchen traf es am härtesten?

Viele. Die Menschen in Israel waren 50 Tage nicht in den Geschäften, weil sie Angst hatten vor einem Raketenbeschuss. Der Konsum ging deshalb um 30 bis 40 Prozent zurück. Die Leute kauften sich keine Kleidung mehr und keine Gebrauchsgegenstände. Auch Restaurants und Cafés wurden nicht gut besucht.

«  Man muss nicht ganz normal sein, um in ein Land zu reisen, in dem Krieg herrscht und Raketen vom Himmel fallen. »

Die Tourismus-Branche erlitt sehr grosse Verluste. Man muss nicht ganz normal sein, um in ein Land zu reisen, in dem Krieg herrscht und Raketen vom Himmel fallen. In manchen Hotels wurden mehr als ein Drittel aller Reservierungen storniert. Einige Tage gab es auch gar keine Flüge mehr nach Israel. Taxis und Busse fuhren viel weniger und verdienten dementsprechend schlechter. Museen und Tourismusorte wie zum Beispiel Massada waren wie leergeräumt und konnten nichts einnehmen. Alle Bereiche waren betroffen. Das ist ein grosser Verlust für die Wirtschaft in Israel. Und man muss bedenken: Diese Situation dauerte fast zwei Monate – das ist ein Sechstel des Jahres.

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Hoher Schekel belastet

Zu schaffen macht dem Exportsektor derzeit der hohe Kurs der Landeswährung Schekel. Dadurch werden viele Produkte im Ausland verteuert. Seit 2009 nahm der Schekel zum Dollar um 20 Prozent zu. Die israelische Zentralbank hat seit 2008 mehr als 55 Milliarden Dollar für den Kauf ausländischer Währungen ausgegeben, um den Schekel-Kurs zu drücken.

Was hat die israelische Regierung unternommen, um die Einbussen aufzufangen?

Die Regierung hat angekündigt, dass es keine Steuererhöhungen geben wird. Persönlich glaube ich das nicht. Der Staat wird in irgendeinem Bereich Steuern erhöhen. Und es wird Kürzungen im Haushalt geben. Gelder für Schulen, im Bildungs- und Sozialbereich werden gekürzt. Der Krieg hat viel gekostet und jemand muss das zahlen – das sind die acht Millionen Israelis.

Die Bevölkerung wird dies sicher nicht einfach so hinnehmen.

Wir sind eine Demokratie und es wird sicher zu Demonstrationen kommen. Zurzeit ist es diesbezüglich ruhig, aber Anfang nächsten Jahres könnte sich das ändern. Dann könnten neue Steuern erhoben und staatliche Kürzungen bekannt gemacht werden. In den letzten Jahren ging es dem Land und den Menschen sehr gut – es gab 5 Prozent Wachstum. Zurzeit beträgt das Wachstum 2,5 Prozent, aber es dürfte noch mehr zurückgehen.

Das Interview führte Sharon de Wolf

Die schwache Konjunktur hat Folgen für den Staatshaushalt

Die für 2014
geplante Neuverschuldung von 3 Prozent der Wirtschaftsleistung
Israels dürfte verfehlt werden. Dies musste Finanzminister Yair Lapid bereits
einräumen. Wegen der steigenden Rüstungsausgaben ist auch das für 2015
vereinbarte Ziel von 2,5 Prozent Neuverschuldung kaum noch erreichbar. Trotzdem will
Lapid weder die Steuern erhöhen noch die Sozialausgaben senken.
Zentralbankchefin Karnit Flug geht inzwischen von 3,5 Prozent aus. Kommendes
Jahr könnten es sogar 4 Prozent werden. Das macht es deutlich
schwerer, den Schuldenberg bis zum Ende des Jahrzehnts auf 60 Prozent
der Wirtschaftsleistung abzuschmelzen. Ende 2013 waren es 67,4 Prozent.

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