Der wichtigste Tag im Leben eines Schotten

Das Vereinigte Königreich verlassen oder nicht? Noch ist unklar, wie das Endresultat aussehen wird – es könnte knapp ausfallen. Doch der historischen Bedeutung der Abstimmung seien sich die Menschen in Schottland bewusst, sagt SRF-Korrespondent Urs Gredig.

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SRF-Sonderkorrespondent Urs Gredig

2:11 min, aus 10vor10 vom 18.9.2014

Mit oder ohne Grossbritannien? Ab 7.00 Uhr Ortszeit (8.00 Uhr MESZ) haben Schotten im Alter über 16 Jahren die Möglichkeit gehabt, ihre Stimme für oder gegen die Unabhängigkeit ihres Landes abzugeben. Um 22.00 Uhr schlossen dann die Urnen.

Das Interesse an der Abstimmung war und riesig. Mehr als 97 Prozent der Wahlberechtigten haben sich registrieren lassen. Eine Beteiligung von mehr als 90 Prozent würde viele Beobachter nicht überraschen.

Der Stimmzettel

Bereits am frühen Morgen hatten sich vor einigen der mehr als 2600 Wahllokale Schlangen gebildet. Auch Mädchen und Jungen in Schuluniformen reihten sich ein. An der Abstimmung dürfen Wähler ab 16 Jahren teilnehmen. Angesichts des grossen Interesses sprachen britische Beobachter bereits von einem «Sieg für die Demokratie» – unabhängig vom Ausgang des Referendums. Bis kurz vor Schliessung der Wahllokale machten die beiden Lager noch mobil. Mit Ergebnissen wird am Freitagmorgen gerechnet.

Die meisten Jungen könnten wohl eher zum Nein-Lager gezählt werden, meint der SRF-Korrespondent Urs Gredig. «Sie sind eher offen.» Die Frage ist, ob diese Jugendlichen auch den Weg zu den Stimmlokalen gefunden haben.

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«Yes or No», heisst es heute für die Schotten. Wir halten Sie ab heute Abend in unserem Liveticker auf srf.ch/news über die Ereignisse auf dem Laufenden.

Kopf-an-Kopf-Rennen

Umfragen sagten bis zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus – mit leichten Vorteilen für das Lager der Unabhängigkeitsgegner. Entgegen der Befürchtungen ist die Stimmung an vielen Stimmlokalen entspannt und bisweilen ausgelassen.

Lange seien sich die Unionisten – also die Gegner der Unabhängigkeit – zu sicher ob ihres Sieges gewesen, so Gredig. Zudem habe das Ja-Lager viel eher einen positiven Wahlkampf geführt und auf die Chancen eines neuen Landes aufmerksam gemacht. Die Nein-Kampagne habe sehr die Risiken betont – das sei womöglich nicht sehr gut angekommen.

Sollte die Unabhängigkeitsbewegung beim Referendum gewinnen, wäre dies auch ein Sieg gegen die geballte Medienmacht. Mit einer Ausnahme hatten alle britischen Medien mehr oder weniger offen gegen die Unabhängigkeit Stimmung gemacht. Teils wurde der schottische Regierungschef Alex Salmond von seriösen Blättern mit Simbabwes Diktator Robert Mugabe verglichen. Das einflussreiche Boulevardblatt «Sun» verhielt sich neutral und erschien am Wahltag mit einer «fast» leeren Titelseite.

Andy Murray stimmt Ja

Die Schotten geniessen bisher nur Teilautonomie innerhalb des britischen Staatsgebildes, dem sie seit 307 Jahren angehören. Die Befürworter der Unabhängigkeit, die den Plänen zufolge 2016 in Kraft treten soll, erhoffen sich mehr wirtschaftlichen Wohlstand und kürzere Entscheidungswege.

Und sie erhalten tatkräftige Unterstützung – unter anderem vom schottischen Tennis-Ass Andy Murray.

Tweet von Andy Murray

«Von Andy Murray abgesehen ist die grosse Überraschung aber bisher ausgeblieben», sagte SRF-Korrespondent Urs Gredig in Edinburgh.

Bis zum Schluss sei um jede Stimme gekämpft worden, sagte Gredig. Eine Prognose sei deshalb schwierig. «Es gibt solche, die sind sich etwas uneins, und es gibt solche, die wissen noch gar nicht, was sie stimmen. Es gibt solche, die sagen nicht, was sie stimmen, und es gibt solche, die entscheiden aus dem Bauch heraus an der Urne», berichtet der Korrespondent.

Quer durch alle Wählerschichten sind die Ja- und Nein-Wähler im Verhältnis 50:50, so Gredig. Einzig ältere Wähler würden eher ein Nein in die Urne legen. «Man kann sicher sagen: Je mehr Ältere heute abstimmen gehen, desto unwahrscheinlicher wird die Unabhängigkeit.»

Feststimmung macht Gredig jedoch nicht aus. Die Menschen in der schottischen Stadt seien sich der historischen Bedeutung der Wahl sehr bewusst. Es herrsche keine Feierstimmung – die Wähler gehen «sehr ernst» zur Wahl, berichtet Gredig. Viele Bürgerinnen und Bürger würden diesen Tag als «wichtigsten Tag im Leben» bezeichnen.

Fakten zum Ablauf des Referendums

- Die Wahllokale sind zwischen 7 und 22 Uhr Lokalzeit geöffnet (8 und 23 Uhr MESZ).
- 97 Prozent der knapp 4,4 Millionen Schotten ab 16 Jahren haben sich registriert.
- Die Wahlforscher rechnen mit einer sensationell hohen Beteiligung von bis zu 93 Prozent.
- Teils werden die Stimmzettel mit Schiffen und Helikoptern nach Edinburgh gebracht.
- Sobald einer der 32 Stimmbezirke ausgezählt ist, wird das Ergebnis bekanntgegeben.
- Das Endresultat wird am Freitag zwischen 7.30 und 8.30 Uhr (MESZ) erwartet.

Interesse im Baskenland und bei den Katalanen

Der Ausgang des Referendums in Schottland wird weltweit mit Spannung verfolgt – und besonders aufmerksam in jenen Regionen, die selbst für mehr Autonomie kämpfen.

So kündigte die autonome Region Baskenland bereits an, sich für eine mögliche Trennung von Spanien ein Beispiel an Schottland zu nehmen. «Wir wollen den Weg Schottlands gehen», sagte der Basken-Regierungschef Iñigo Urkullu.

In Spanien gibt es gleich mehrere Regionen, die nach Unabhängigkeit streben – neben dem Baskenland auch Katalanien. Die katalanische Regionalregierung will am 9. November ein Referendum über die Abspaltung von Spanien abhalten. Die Zentralregierung nennt die Volksabstimmung illegal und versichert, sie werde auf keinen Fall stattfinden.

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Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Schottland entscheidet über seine künftige Geschichte

    Aus Tagesschau vom 18.9.2014

    97 Prozent der Schottinnen und Schotten haben sich für die historische Abstimmung registrieren lassen. Die Berichterstattung beinhaltet Stimmen, Kommentare und Einschätzungen aus Edinburgh sowie ein Blick in die Geschichte Schottlands.

  • Schottland bald unabhängig?

    Aus Tagesschau vom 18.9.2014

    Heute stimmt das schottische Volk über die Unabhängigkeit ab. Befürworter Alex Salmond erhält Unterstützung aus der Tenniswelt: Andy Murray sagt Ja zur Unabhängigkeit. Aus Umfragen geht hervor, dass die Entscheidung äusserst knapp ausfallen wird. Einschätzungen von Urs Gredig.