Deutlicher Anstieg der weltweiten Hinrichtungen

Gehängt, enthauptet oder durch die Giftspritze getötet: 2015 wurden so viele Menschen exekutiert, wie seit 25 Jahren nicht mehr. Für fast 90 Prozent aller Hinrichtungen sind drei Länder verantwortlich: Iran, Pakistan und Saudi-Arabien. Doch trauriger Spitzenreiter dürfte das «geheime» China sein.

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Amnesty: Fakten zu den Todesstrafen 2015

2:52 min, vom 5.4.2016

Noch immer gibt es weltweit rund 100 Staaten, deren Gesetz die Todesstrafe vorsieht. Nicht alle machen Gebrauch davon, doch ist die Zahl der Exekutionen im Jahr 2015 weltweit dramatisch gestiegen.

  • Es gab am meisten Hinrichtungen seit 25 Jahren.
  • Mindestens 1634 Menschen in 25 Ländern wurden hingerichtet (54 Prozent mehr als 2014).
  • Mindestens 1998 Menschen wurden zum Tod verurteilt.
  • 89 Prozent der registrierten Hinrichtungen fanden in drei Ländern statt: Iran, Pakistan und Saudi-Arabien.
  • Zu China liegen keine Zahlen vor – Amnesty geht aber von mehreren tausend Hinrichtungen aus.
  • Vier weitere Staaten schafften die Todesstrafe ab.

Jedes Jahr publiziert die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) ihre Statistik zu den weltweiten Todesstrafen. Die Zahlen vom vergangenen Jahr seien «verstörend und besorgniserregend», betont Patrick Walder von AI. Seit 25 Jahren wurden nie mehr Menschen von Gesetzes wegen getötet als 2015.

USA mit niedrigster Zahl seit 1991

Vor allem einige wenige Staaten richteten noch viele Menschen hin. «Den Hauptanteil an diesem dramatischen Anstieg machen Hinrichtungen in Iran, Pakistan und Saudi-Arabien aus. Dort werden viele Menschen nach oftmals unfairen Prozessen zum Tode verurteilt», erklärt Walder. Iran ist zudem eines der letzten Länder, das auch Minderjährige hinrichten lässt.

Während in Pakistan noch nie eine grössere Zahl an Hinrichtungen dokumentiert wurde als 2015, resultierte für die USA die niedrigste Zahl seit 1991.

Vollzogene Hinrichtungen 2015

China (+), Iran (977+), Pakistan (326), Saudi-Arabien (158+), USA (28), Irak (26+), Somalia (25+), Ägypten (22+), Indonesien (14), Tschad (10), Jemen (8+), Taiwan (6), Südsudan (5+), Bangladesch (4), Singapur (4), Japan (3), Sudan (3), Jordanien (2), Oman (2), Afghanistan (1), Indien (1), Ver. Arabische Emirate (1), Malaysia (+), Nordkorea (+), Vietnam (+)

Nach wie vor eine Blackbox ist China. Hier vermutet Amnesty International erneut tausende von Hinrichtungen allein 2015. Doch China erklärte die Zahlen zum Staatsgeheimnis, das ermitteln der genauen Fakten ist unmöglich. Das gleiche gilt für Nordkorea. Die tatsächliche weltweite Gesamtzahl liegt daher mit Sicherheit deutlich höher, als die von AI veröffentlichten.

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Bildlegende: Todesstrafe weltweit: Wer hat sie noch im Gesetz verankert? Amnesty International

«Viele Regierungen wollen offenbar noch immer daran glauben, dass die Todesstrafe mehr Sicherheit schafft. Dabei gibt es für diese irrige Annahme keinerlei Beweise», moniert Walder. In Europa vollstreckt als letztes Land nur noch Weissrussland die Todesstrafe. Im vergangenen Jahr gab es dort aber keine Hinrichtungen.

Harte Justiz in Ägypten

Damit ist Weissrussland nicht alleine: Zahlreiche Staaten haben im vergangenen Jahr niemanden hingerichtet – das Todesurteil ausgesprochen hingegen schon. Während in 25 Ländern insgesamt 1634 Menschen tatsächlich exekutiert wurden, wurden in 61 Staaten total 1998 Bürger zum Tode verurteilt.

China, Iran, Jemen und Nordkorea ausgenommen, wurden am meisten Menschen in Ägypten zum Tode verurteilt, nämlich mindestens 538. Auf dem zweiten und dritten Platz folgen Bangladesch mit 197 und Nigeria mit 171 Todesurteilen.

20 von 61 Ländern mit den meisten Todesurteilen 2015

Ägypten (538+), China (+), Bangladesch (197+), Nigeria (171), Pakistan (121+), Kamerun (91+), Irak (89+), Indien (75+), Algerien (62+), USA (52), Sri Lanka (51+), Vietnam (47+), Indonesien (46+), Malaysia (39+), Kenia (30), Dem. Rep. Kongo (28), Libanon (28), Laos (20+), Syrien (20+), Ghana (18)

Doch Amnesty dokumentierte im vergangenen Jahr auch positive Entwicklungen. «Mit Fidschi, Madagaskar, der Demokratischen Republik Kongo und Surinam haben vier weitere Staaten die Todesstrafe abgeschafft», erklärt Walder.

Weltweit haben nun 102 Staaten die Todesstrafe aus ihren Gesetzbüchern gestrichen. «Zum ersten Mal sind die Staaten, die die Todesstrafe noch verhängen, in der Minderheit.»