Die Klügsten verlassen Griechenland

Die Wirtschaftskrise raubt den südeuropäischen Ländern nicht nur grosse Teile ihres Wohlstandes. Sie nimmt ihnen auch ihre klügsten Köpfe: Allein aus Griechenland sind in den vergangenen zwei Jahren mehr als 100‘000 Wissenschafter ausgewandert.

Griechenland leidet unter einem Braindrain: Gut 120'000 griechische Ärzte, Ingenieure, Computer-Experten, Chemiker und andere Wissenschafter haben seit Ausbruch der schweren Finanzkrise 2010 das Land verlassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Thessaloniki. Demnach verlässt mittlerweile etwa jeder zehnte gut ausgebildete Grieche das Land.

Protestierende Studenten Mitte März. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Immer mehr Wissenschafter sind in Griechenland unzufrieden: Studenten protestieren im März gegen eine Bildungsreform. Keystone

Und nicht nur dies: Die Hälfte der Auswanderer habe mehrere Diplome aus den Top-100-Universitäten der Welt im Sack, kommt die Studie zum Schluss. Es sind also die allerbesten Köpfe des Landes, die gehen. Dies wirke sich sehr nachteilig für Griechenland aus, sagt die Journalistin Corinna Jessen. Sie lebt in Athen. Das Schlimmste sei, dass die Akademiker nicht die Beamten im öffentlichen Dienst ersetzten, welche das Land mit in die Krise geritten hätten. «Diese werden bleiben», so Jessen lakonisch. «Obschon sie nicht nach Qualifikation, sondern über Beziehungen eingestellt wurden.»

Griechenland hat keine Spitzenindustrie

Der Exodus zeige auch das Grundproblem der griechischen Wirtschaft auf, sagt die Journalistin: Es fehlen Grossbetriebe, die für Entwicklung und Produktion ihrer Produkte Wissenschafter brauchen. Also könne man als junger, motivierter Uni-Absolvent eigentlich nur in die öffentliche Verwaltung gehen. Doch gerade in diesem Bereich werde immer weiter gespart.

Betroffen von dem Braindrain sei etwa der medizinische Bereich: Viele junge Ärzte würden auswandern, beliebt sei Deutschland. Doch auch Ingenieure und Maschinenbauer schauten sich im Ausland nach Jobs um, sagt Jessen.

Zwar habe die griechische Regierung das Problem erkannt und versuche, Gegensteuer zu geben. So sei das erklärte Ziel des anvisierten Reformprogramms, Anreize zu schaffen für neue Arbeitsplätze und ein günstigeres Investitionsklima. «Dies ist aber kaum über die Senkung der Gehaltskosten zu erreichen», sagt Jessen.

Höhere Löhne locken Studierte ins Ausland

Schliesslich zeige die Studie auch, dass gerade bei Hochqualifizierten das Verhältnis von Leistung und Entlöhnung eine wesentliche Rolle spiele: «Man kann nicht davon ausgehen, dass ein Harvard-Absolvent bereit ist, nur ein Drittel dessen zu verdienen, was er im Ausland erhält – nur um in der Heimat zu bleiben.»