Schlacht um Rakka «Die Kurden haben jetzt ihren eigenen Willen»

Der kurdische Autor Taha Khalil spricht über die Nachkriegsordnung in Syrien. Die Kurden seien in einer starken Position.

Taha Khalil sitzt rauchend an einem Tisch Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der kurdische Journalist Taha Khalil lebte lange Jahre als Autor in der Schweiz und Deutschland. SRF

Die Vorgeschichte des Interviews: Im Auftrag von SRF waren zwei Journalisten im kurdischen Teil Syriens, der Rojava, unterwegs. Die Reise gelang erst nach langen Verhandlungen: Um vom Nordirak nach Rojava zu reisen, brauchte es Stempel und Bewilligungen aller möglichen Regierungen und Milizen.

Dennoch konnten sich die beiden kroatischen Journalisten Jerko Bakotin und Nikola Kuprešanin zusammen mit einem Dolmetscher schliesslich verhältnismässig frei in Rojava bewegen. In Rakka stehen kurdische Milizen kurz vor dem Sieg über den IS. Für «10vor10» fuhren die Journalisten an die Front in Rakka und berichteten über den Kampf kurdischer Frauen-Einheiten gegen den IS.

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Frauen gegen den IS

4:52 min, aus 10vor10 vom 12.9.2017

In Qamishli führten sie zudem ein längeres Gespräch mit dem Schriftsteller Taha Khalil, der während acht Jahren im Schweizer Exil lebte. Khalil ist Moderator einer politischen Sendung und Mitglied des Rojava-Parlaments. Seine Antworten geben eine Innensicht auf die Haltung der Kurden im syrischen Bürgerkrieg – unterdessen ein Weltkrieg im Kleinformat.

SRF: Taha Khalil, wo stehen die Kurden in diesem komplizierten System der Allianzen?

Taha Kahlil: Die Kurden kämpfen für sich selbst und proklamierten 2014 die Selbstverwaltung. Wir wurden allmählich stärker – und wir versuchten, eine neue Gesellschaft aufzubauen, eine demokratische Gesellschaft. Klar gab es gewaltigen Widerstand vom IS und von der Türkei. Aber unsere Ideen und Träume waren stark, und nach dem Sieg in Kobane, hatten wir plötzlich einen guten Ruf und schöpften Hoffnung für unsere Gesellschaft.

Nach sechs Jahren Krieg sind die Kurden die zweitstärkste Kraft in Syrien nach dem Assad-Regime. Wir haben den IS zurückgedrängt. Sobald wird Rakka ganz befreit haben, werden wir ungefähr 40 Prozent von Syrien kontrollieren.

Doch was geschieht nach dem Krieg? Die Kurden könnten einmal mehr leer ausgehen.

Früher waren wir die Schafe zwischen den Wölfen. Aber die Kurden sind keine Schafe mehr, sie haben ihre eigenen Willen und haben ihre eigene Gesellschaft aufgebaut. Und sie wissen, was sie wollen.

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Khalil zur Rolle der Türkei

0:46 min, vom 17.9.2017

Kritiker sagen: Das System in Rojava, im kurdischen Gebiet in Syrien, sei sehr repressiv und dominiert von der PKK, der in der Türkei verbotenen, kurdischen Arbeiterpartei.

Das stimmt nicht. Es gibt zahlreiche junge Leute, die zwar PKK-Mitglied waren und die nach der Revolution (2011) hierher zu ihren Familien zurückgekommen sind. Sie sind also nicht PKK-Mitglieder aus der Türkei.

Klar hat die regierende PYD-Partei Öcalans Ideologie übernommen (Anmerkung der Redaktion: Öcalan ist PKK-Chef und derzeit in der Türkei in Haft). Aber die PYD wäre bereit für einen Frieden mit der Türkei. Doch die Türken wollen keine kurdischen Gemeinwesen und suchen nach Gründen, diese zu zerstören. Am einfachsten geht das, indem man uns in den gleichen Topf wie die PKK schmeisst (Anm: die Pkk gilt in vielen Ländern des Westens als Terrororganisation). Die Türkei findet immer einen Grund Krieg gegen die Kurden zu führen.

Die Rolle der Frauen in Rojava und im Kampf gegen den IS wird herausgestrichen. Wollen Sie sich so Prestige verschaffen?

Nein, es geht nicht darum, dem Westen zu gefallen. Heute haben die Kurdinnen mehr Rechte als die Frauen im Westen. Der Westen unterdrückt die Frauen noch immer. Wir haben 40 Prozent Frauen im Parlament, es gibt 20'000 bewaffnete Frauen in der YPJ – vielleicht sogar mehr (Anm: YPJ ist die bewaffnete kurdische Miliz der Frauen). Da geht es sicher nicht um Prestige. Wir haben nun auch die Zivilehe eingeführt. Das gibt es nirgends sonst im Nahen Osten. Das machen wir sicher nicht für den Westen, sondern weil wir uns respektieren. Zwei junge Menschen von unterschiedlicher Religion können einfach auf die Gemeinde gehen und heiraten.

Kurz vor dem Sieg über den IS ist Rojava in einer gefährlichen Situation: Offenbar will die Türkei das kurdische Staatswesen in Syrien tilgen, das Regime gewinnt an Stärke, die Kurden im Westen (Afrin) müssen mit den Russen zusammenarbeiten und die Kurden hier arbeiten mit den Amerikanern zusammen. Es sieht so aus, als ob die Grossmächte Syrien in Einflusszonen aufteilen – und die Kurden sind mitten drin.

Wir werden für Afrin (Anm: kurdisches Gebiet westlich des Euphrat) eine Lösung finden. Wir werden Afrin nicht aufgeben. Es gibt Probleme mit der Türkei, den Russen, den Hisbollah, dem Regime. Aber Afrin bleibt Teil von Rojava.

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Khalil zur Rolle der USA

0:36 min, vom 17.9.2017

Aber wie sehen Sie die Zukunft der Zusammenarbeit mit den Amerikanern? Vertrauen sie den USA?

Als wir in Kobane gekämpft haben, war niemand mit uns: Keine USA, keine Anti-Terror-Koalition. Ich erinnere mich, als ich einmal in Kobane war, blieb uns noch eine Strasse, 700 Meter. Trotzdem haben YPG und YPJ (Anm: bewaffnete kurdische Miliz in Syrien) gesagt: Wir werden bis zum letzten Menschen kämpfen, und sie haben gekämpft und den IS besiegt. Der Grund: Sie kämpfen für sich, nicht für jemand anderen.

Das ist der Unterschied zwischen den YPG/YPJ und den gekauften Milizen der Türkei. Sie kämpfen nicht für das syrische Volk, sondern für Erdogans Träume. Deshalb sage ich: Die Sache hängt nicht mit Vertrauen oder Nicht-Vertrauen zusammen. Die USA brauchen etwas von uns, wir haben etwas für die USA: es geht um Kauf und Verkauf. Das ist Politik.

Wenn die Amerikaner uns nicht mehr unterstützen: Okay! Wir haben uns am Anfang nicht auf US-Hilfe eingestellt. Die Amerikaner sind frei, wir werden gegen den IS kämpfen. Wir bekämpfen den IS nicht wegen der Amerikaner, sondern wegen uns. Weil der IS gegen unsere Prinzipien ist, weil der IS gegen die Menschlichkeit ist.

Wie sehen Sie die Zukunft der Kurden in Syrien?

Syrien wird nie mehr sein wie vor dem Krieg: das ist vorbei. Oder wie es vor der Baath-Herrschaft (1964) war. Die Menschen haben sich verändert. Turkmenen, Araber, Kurden – alle brauchen das Recht, ihre eigene Sprache zu sprechen, dass ihre Kultur respektiert wird. Ich glaube, dass Föderalismus das richtige System dafür ist.

Das Gespräch führten Jerko Bakotin und Nikola Kuprešanin.

Weltkrieg im Kleinformat

Der syrische Bürgerkrieg begann 2011 nach dem Arabischen Frühling als Aufstand gegen das Assad-Regime in Damaskus. Bald begannen dschiahdistische Gruppierungen beträchtliche Gebiete zu erobern. 2014 rief der sogenannte Islamische Staat (verächtlich «Daesch» genannt) in Syrien und Irak ein eigenes Kalifat aus – mit Rakka als Hauptstadt.
Die Kurden beanspruchen in ihren Siedlungsgebieten in Syrien (Rojava) Autonomie. 2014/2015 gelang es den kurdischen Milizen, die Stadt Kobane gegen den IS erfolgreich zu verteidigen.
Unterdessen findet in Syrien ein Stellvertreterkrieg statt: Russland und der Iran unterstützt das Regime, die Türkei unterstützt eigene Milizen – und die USA fliegen Luftangriffe für die kurdischen Milizen. Es gibt Anzeichen, dass die Grossmächte Syrien nach dem Sieg über den IS in Einflusszonen einteilen werden. Die Kurden sind im Sandwich zwischen dem Regime und der Türkei.