Die Suche nach Erdbebenopfern geht weiter

Nach dem verheerenden Erdbeben in Italien suchen die Retter weiter nach Opfern. Derweil werden die ersten zu Grabe getragen. Italien weint um die Toten des verheerenden Erdbebens – und verspricht schnelle Hilfe.

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Viele Menschen haben alles verloren

1:46 min, aus Tagesschau vom 26.8.2016
  • Die Bergungsarbeiten dauern an.
  • Weitere Nachbeben erschüttern die Region – Gebäude sind eingestürzt.
  • Rom will 50 Millionen Euro Soforthilfe bereitstellen.
  • Der Zivilschutz vor Ort bestätigt 278 Opfer. Fast 400 Menschen sind verletzt.
  • Das EDA hat keine Kenntnis von Schweizern, die vom Erdbeben betroffen sind.

Zweieinhalb Tage nach dem schweren Erdbeben in Mittelitalien ist die Suche nach Vermissten in der Region um die Apennin-Bergstadt Amatrice voll im Gange. Mit Drohnen, Helikoptern, Spürhunden und blossen Händen: Feuerwehrleute, Militärs und ehrenamtliche Helfer sind rund um die Uhr im Einsatz, um Vermisste aus den Trümmern zu befreien.

Derweil gab es auch erste Versuche der Plünderung. In Amatrice wurde ein Mann festgenommen, der in ein Haus eindringen wollte, teilte die Polizei mit.

Stadtbild ändert sich durch Nachbeben andauernd

Suche nach Überlebenden in den Trümmern

0:20 min, vom 26.8.2016

Auf einer grossen Wiese unweit von Amatrice ist ein Helikopter-Pilot des italienischen Heeres zum Start bereit. «Ich überfliege die Stadt, damit wir uns nach den Einstürzen infolge des letzten schweren Erdstosses am Freitagvormittag ein Bild machen können. Wegen der ständigen Nachbeben ändert sich das Szenario Amatrices kontinuierlich. Das erschwert die Arbeit der Rettungsteams erheblich», sagt Roberto.

Wo Drohnen und Helikopter nicht hinkommen, schaffen es Ace und Mambo, zwei Border Collies, die extra aus Malta eingetroffen sind, um den Rettungsteams in Amatrice bei der Suche nach Überlebenden Hilfe zu leisten. «Als wir vom Erdbeben in Italien gehört haben, haben wir keine Sekunde lang gezögert und sind ins Flugzeug nach Rom gestiegen.

Amatrice nicht mehr zu retten?

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Italien trauert

Italien ehrt die Erdbebenopfer mit einem Staatsbegräbnis. Zur Trauerfeier am Samstag in der Stadt Ascoli Piceno werden die Spitzen des Staates erwartet, darunter Präsident Sergio Mattarella und Regierungschef Matteo Renzi. Rom rief für Samstag einen Tag der nationalen Trauer aus. Die Flaggen auf öffentlichen Gebäuden sind auf halbmast.

Der vom Erdbeben verwüstete Ort Amatrice in der italienischen Region Latium ist nach Einschätzung des Bürgermeisters nicht mehr zu retten. «Amatrice muss komplett dem Erdboden gleichgemacht werden», sagte Sergio Pirozzi.

Im historischen Zentrum, das noch aus dem Mittelalter stammt, sei kein Gebäude mehr intakt. «Wir wollen (die Stadt) am gleichen Ort, vielleicht in gleicher Form und mit der gleichen Ästhetik aufbauen.»

Amatrice gehörte zu den «schönsten Dörfern Italiens», eine Kategorisierung, für die die Orte bestimmte kulturelle und architektonische Kriterien erfüllen müssen. Der Ort war am Mittwoch von dem Beben besonders getroffen worden, mehr als 200 Menschen kamen in Amatrice ums Leben.

Brücken beschädigt

Nach dem schweren Erdbeben in Italien und mehreren starken Nachbeben sind die Zufahrtswege zum völlig zerstörten Ort Amatrice weitgehend unpassierbar. Mehrere Brücken seien so stark beschädigt, dass sie nicht mehr benutzt werden könnten, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa.

Jetzt gebe es nur noch eine funktionierende Brücke, die «Ponte Rosa», die jedoch ebenfalls vom Einsturz bedroht sei. «Die Situation ist prekär», sagte Bürgermeister Sergio Pirozzi. «Wenn die Brücke nachgibt, haben wir keine Verbindung mehr zur Aussenwelt.» In dem Dorf, das als eines der schönsten Italiens galt, werden noch immer mindestens 15 Menschen vermisst.

Mehrere Erdstösse erschütterten die Katastrophenregion in Mittelitalien. Das stärkste Nachbeben ereignete sich am Freitag um 6.28 Uhr und hatte nach Angaben der italienischen Erdbebenwarte eine Stärke von 4,8 auf der Richterskala. Das Zentrum lag demnach in elf Kilometern Tiefe in der Provinz Rieti, nicht weit von dem Ort Amatrice entfernt.

Riesige Welle der Hilfsbereitschaft

Für ein Jahr wollen 700 italienische Restaurants das berühmte Nudelgericht Spaghetti all'Amatriciana auf ihre Speisekarte setzen, wobei zwei Euro pro verkauften Teller den Erdbebenopfern in der Region um den Geburtsort des Gerichtes, das Dorf Amatrice, zugute kommen sollen.
Der britische Starkoch Jamie Oliver stellte sich ebenfalls hinter diese Aktion und forderte die Restaurant-Gäste unter dem Twitter-Hashtag #EatForItaly dazu auf, dass Nudelgericht mit der typischen Sauce aus Tomaten, Speck und Pecorino-Käste mit einem Hauch Chili zu essen und damit gleichzeitig Gutes zu tun.
In Blutspendezentren in ganz Italien gibt es seit Tagen lange Schlangen, in Perugia mussten sogar schon Spendewillige wegen zu grossen Andrangs nach Hause geschickt werden.
Ein Kreuzfahrtunternehmen schickte 150 Matratzen in die Unglücksregion, zahlreiche Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder Caritas richteten Sammelstellen für Hilfsgüter ein, wo Bürger Nahrung, Trinkwasser oder Kinderspielzeug für die Erdbebenopfer abgeben können. Ein Immobilienunternehmen schlug vor, den obdachlos gewordenen Opfern die 30'000 Häuser zur Verfügung zu stellen, die laut einer kürzlich angestellten Untersuchung im Umkreis von 20 bis 30 Kilometern um das Epizentrum herum leer stehen.
Das italienische Kulturministerium will die Eintrittsgelder sämtlicher Museen am kommenden Sonntag für die Erdbebenregion spenden. Die Italiener wurden aufgerufen, sich als Zeichen der Solidarität in Massen in die Museen zu begeben. Auch im italienischen Fussball ist die Hilfsbereitschaft gross. So hat der SC Neapel angekündigt, einen Teil der Einnahmen aus der Begegnung gegen die AC Mailand den Erdbebenopfern spenden zu wollen. Der bei Juventus Turin spielende deutsche Nationalspieler Sami Kedira kündigte an, 20'000 Euro zu spenden und ein signiertes Trikot zu versteigern.

Renzi betont «moralische Pflicht»

Unterdessen hat die Regierung einen schnellen Wiederaufbau der zerstörten Orte versprochen. «Wir haben die moralische Pflicht gegenüber den Frauen und Männern dieser Gemeinden», sagte Renzi nach einer Krisensitzung des Ministerrats am Donnerstagabend. «Der Wiederaufbau dieser Dörfer ist die Priorität der Regierung und des Landes.»

Zudem rief der Ministerrat den Notstand aus und sagte Hilfsgelder von 50 Millionen Euro zu. Auch die Erdbebenvorsorge müsse verbessert werden. «Das muss unsere Hausaufgabe für die Zukunft sein», so Renzi.

Verheerende Bilanz

Beim Erdbeben in der Nacht auf Mittwoch kamen mindestens 278 Menschen ums Leben. Das hat der italienische Zivilschutz bestätigt. Demnach starben in Amatrice 218 Menschen. Weitere 49 Menschen kamen in Arquata um und 11 in Accumoli. 387 Personen wurden verletzt ins Krankenhaus gebracht. Mehr als 900 Nachbeben versetzten seit Mittwochmorgen Überlebende in Angst und Schrecken. Unter den Toten sind auch mindestens acht Ausländer.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die Situation bleibt gefährlich

    Aus Tagesschau vom 25.8.2016

    Auch 36 Stunden nach dem Hauptbeben wird Mittelitalien noch von zahlreiche Nachbeben erschüttert. Die Zahl der Todesopfer ist auf 250 angestiegen. SRF-Korrespondent Philipp Zahn berichtet aus dem Katastrophengebiet.