Doping: Wie Behindertensportler die Leistungsgrenze überwinden

Der Ausschluss der kompletten russischen Paralympics-Delegation wegen Dopings mag viele überrascht haben. Die Kollektivstrafe wirft ein Schlaglicht auf ein bislang kaum wahrgenommenes Phänomen – das sich mitunter vom «traditionellen» Doping unterscheidet.

Flächendeckendes Doping ist im Behindertensport weiter verbreitet als gedacht. Zu dieser Einschätzung kommen viele Experten nach dem Ausschluss der russischen Delegation von den Paralympischen Spielen in Rio. Im Vergleich mit Manipulationen von nichtbehinderten Athleten gibt es aber einen entscheidenden kleinen Unterschied in der Art des Dopings.

Grundsätzlich gilt zwar: Die Dopingmittel sind dieselben wie bei nichtbehinderten Athletinnen und Athleten. Die Behinderungen der Sportlerinnen und Sportler sind unterschiedlich – aber Anabolika, Wachstumshormone oder Schmerzmittel werden genau gleich als Dopingmittel eingesetzt, sagt Phil Jungen, Chefarzt der Sportmedizin im Paraplegiker Zentrum in Nottwil.

Aber gerade bei den Rollstuhlsportlerinnen und -sportlern gebe es eine spezielle Methode, um eine Leistungssteigerung zu erreichen, das sogenannte Boosting. Jungen erklärt: «Dahinter liegt die Theorie, dass über Schmerz ein Adrenalin-Ausstoss bewirkt wird: Der Blutdruck steigt, es kann kurzfristig mehr Leistung ausgelöst werden – in der Forschungsliteratur spricht man von bis zu 25 Prozent.»

Absichtlich erzeugter Bluthochdruck

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Komplett-Ausschluss

Das Internationale Paralympische Komitee IPC hat die russischen Behindertensportler wegen massiver Doping-Verstösse komplett von den Paralympischen Spielen in Rio (7. bis 18. September) ausgeschlossen. 278 russische Athleten hatten sich für die Spiele qualifiziert. Russland will das Urteil vor dem Internationalen Sportgerichtshof TAS anfechten.

Wer sich kurz vor dem Start selbst Schmerz zufügt, ist auf der Rennbahn schneller. Rollstuhlsportler müssen sich dabei aber keinen Zeh brechen, um sich per Boosting zu dopen. Bei ihnen reicht es beispielsweise besonders viel zu trinken. Sportmediziner Jungen führt aus: «Bei hochgradig gelähmten, den Tetraplegikern, kann erhöhter Blasendruck – also wenn die Blase nicht richtig entleert wird – zu erhöhtem Blutdruck führen.»

Auch dieses Vorgehen könne gezielt für eine Leistungssteigerung genutzt werden, so Jungen. «Deswegen ist es bei den Paralympics verboten, dass der obere Blutdruck bei Rennbeginn über 160 liegt.» Deshalb gibt es vor Wettkämpfen auch eine Art Dopingtest: «Im Wartebereich wird bei gewissen Athleten der Blutdruck gemessen. Ist er zu hoch, erfolgt der Ausschluss.»

Manche Athleten brauchen Schmerzmittel

Was die anderen Dopingmittel betrifft gibt es für einige Behindertensportler Ausnahmebewilligungen. Gerade Schmerzmittel, die eigentlich auf dem Index stehen, benötigen gewisse Athletinnen und Athleten, um überhaupt funktionieren zu können.

Jungen vom Paraplegikerzentrum gibt ein Beispiel: Viele Querschnittspatienten mit Wirbelsäulenverletzungen, die Schmerzen haben, brauchen im Extremfall eine sogenannte Schmerzpumpe. «Mir ist nicht bekannt, dass ein Athlet eine solche verwendet. Aber es gibt auch Morphium-Pflaster und ähnliches», schildert Jungen. Im Einzelfall müsse dann entschieden werden, ob der Athlet auch während der Wettkampfzeit darauf angewiesen sei: «Dann wird eine Ausnahmebewilligung eingeholt», so Jungen.

Solche Ausnahmebewilligungen können auch nichtbehinderte Sportler erhalten – dabei handelt es sich aber vor allem um Asthma-Patienten. Die Dopingpraxis mit ihren Ausnahmen, sowie die Methoden der Leistungssteigerungen sind also im Grossen und Ganzen nicht von einer körperlichen Behinderung abhängig. Aber der paralympische Sport hat nach den jüngsten Enthüllungen so etwas wie seine Unschuld verloren.