Vorwürfe gegen Kardinal Pell «Ein als gefühlskalt beschriebener Geistlicher»

Die australischen Konservativen stehen zu Kardinal Pell. Im Volk dagegen habe er schon lange an Sympathien verloren, sagt SRF-Korrespondent Urs Wälterlin.

Mann mit Brille und Glatze. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: SRF-Korrespondent Urs Wälterlin lebt seit 1992 in der Nähe der australischen Hauptstadt Canberra. SRF

SRF News: Was weiss man konkret über die Vorwürfe gegen Kardinal George Pell?

Urs Wälterlin: Die Polizei von Victoria hat von generellen Beschuldigungen gesprochen. Gemäss Medienberichten wird Pell von zwei Männern beschuldigt, er habe sie in den 1970er-Jahren missbraucht. Auch soll er sich in den 1980er-Jahren in einem Schwimmbad nackt vor drei Buben präsentiert haben.

Wie sind diese Vorwürfe gegen Pell ans Licht gekommen?

Gerüchte und Spekulationen gab es seit langem. So etwa im Zusammenhang mit einer seit Jahren dauernden Untersuchung von Missbrauchsfällen in der Kirche. Letztes Jahr offenbarten sich die beiden Männer als Opfer von Pell. Ihre Anwältin sagte nun, sie seien «überglücklich», dass nun endlich ein Ermittlungsverfahren gegen Pell begonnen werde. Es sei ein grosse Problem gewesen, «gegen jemanden vorzugehen, der aus der Sicht mancher Menschen direkt nach Gott kommt», so die Anwältin weiter.

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Pell war Bischof von Melbourne. Dabei soll er Missbrauchsvorwürfe gegen andere Kirchenvertreter ignoriert haben?

Das ist so. Er hat dadurch im Volk sehr viele Sympathien verloren. So wurde er von Angehörigen von Opfern als arrogant und gefühlskalt beschrieben. Tatsächlich schien er immer nach Ausreden für Priester zu suchen, die des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurden. Dabei vertrat Pell immer sehr offen und laut äusserst konservative Ansichten. Bis heute ist er für den rechten Flügel der konservativen Regierungspartei eine Respektsperson. Dazu passt auch, dass Pell ein vehementer Klimaskeptiker ist.

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Pell will nun nach Australien reisen. Wie geht es dort weiter?

Er wird im Rahmen des Ermittlungsverfahrens der australischen Behörden angehört und kann zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Das Weitere entscheidet ein Gericht: Nur wenn in dessen Augen genügend Beweise gegen Pell vorliegen, kommt es zu einem Gerichtsprozess. Bislang gibt es bloss Anschuldigungen gegen den Kardinal – offenbar sind diese aber so stark, dass die Polizei nun ein Ermittlungsverfahren gegen Pell einleitet.

Das Gespräch führte Marc Allemann.

Das sagt SRF-Korrespondent Franco Battel in Rom:

Das Rechtsverfahren in Australien dürfte Monate oder gar Jahre dauern. Der 76-jährige Pell wird deshalb sein Amt als Finanzminister im Vatikan kaum wieder aufnehmen können. In Rom sind die Vorwürfe gegen Pell seit Jahren bekannt. Bekannt ist ausserdem, dass Pell als Bischof von Melbourne während Jahren Missbrauchsfälle vertuscht hat.

Für Papst Franziskus führt dies angesichts seines erklärten Kampfs gegen den sexuellen Missbrauch in der Kirche zu einem in grossen Glaubwürdigkeitsproblem. Hinzu kommt, dass Pell nur einer unter vielen Kirchenmännern ist, gegen die auf der ganzen Welt Missbrauchsvorwürfe untersucht werden. Deshalb ist das Missbrauchsproblem in der katholischen Kirche mit der Rückkehr Pells nach Australien in keiner Weise gelöst.