«Ein Fussballturnier kann eine Gesellschaft nicht verändern»

Wenn Frankreichs Nationalelf zum Halbfinal antritt, kommen auch Spieler mit Namen wie Pogba, Matuidi oder Rami zum Einsatz. Sie sind Nachkommen von Migranten. Dasselbe gilt für Gegner Deutschland. Das sage nicht zwingend etwas über die Integration von Ausländern aus, sagt Journalist Ronny Blaschke.

Sechs franzöische Spieler auf dem Feld umarmen sich nach einem Goal. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Multikulturelle Freude auf dem Fussballfeld: Les-Bleus-Spieler umarmen sich nach einem Tor. Keystone

SRF News: Fussballer wie Khedira, Boateng oder Mustafi geben dem deutschen Nationalteam ein multikulturelles Gesicht. Doch bedeutet das auch, dass in Deutschland Ausländer besonders gut integriert sind?

Ronny Blaschke: Nein, ein Zeichen für eine gute Integration ist das nicht. Es ist eher ein Brennglas. Vielleicht verzerrt es auch etwas die Wirklichkeit. Es sind vor allem sehr talentierte Fussballer, die integriert worden sind. Denn die versprechen einen finanziellen Wert für Verband und Verein. Blickt man aber auf die Gesellschaft im Allgemeinen, stellt man hohe Ausgrenzungseinstellungen gegenüber Migranten fest.

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Ronny Blaschke

Ronny Blaschke

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Der Journalist beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Fragen des Sports. 2009 wurde er für einen Beitrag in der «Zeit» über die Nazi-Unterwanderung eines Leipziger Fussballvereins zum Sportredaktor des Jahres ausgezeichnet.

Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich gab es im Vorfeld der Europameisterschaft eine Polemik rund ums Thema Ausgrenzung. Worum ging es in Frankreich?

Dort begann es mit einer Erpressungsaffäre, in die Karim Benzema verwickelt sein soll. Benzema ist ein muslimischer Stürmer im Dienste von Real Madrid. Er wurde deshalb nicht für das nationale Team berücksichtigt. Benzema warf dem Nationaltrainer Didier Deschamps daraufhin Rassismus und Islamophobie vor. Zwar erhielt Benzema Unterstützung von anderen Prominenten, eine grosse Debatte löste das Ganze aber nicht aus. Man möchte in Frankreich Monate nach den Terroranschlägen von Paris nicht wieder Gräben zu den Themen Religion, Parallelgesellschaft und Migration aufreissen.

Anders als in Deutschland, Grossbritannien oder den USA gibt es in Frankreich gar keine auf Minderheiten ausgelegte Politik.

Genau. Die Idee von Integration und von Multikulturalität existiert nicht. Seit der Französischen Revolution gilt, dass eine reale Gleichheit herrschen soll. Es gibt den Staat und das Individuum, ohne besondere Förderung von Minderheiten. Das gilt auch für den Fussball. Daher will man keine grossen Diskussionen lostreten.

«  Medien und Teile der Wissenschaft schauen oft nicht, wie es hinter dem Personenkult aussieht. »

Richten wir den Blick nun nach Deutschland. Hier wurde die Polemik von einem Politiker der rechtspopulistischen Partei Afd losgetreten.

Alexander Gauland, Brandenburger Fraktionschef der AfD, sagte, dass viele Deutsche den schwarzen Verteidiger Jérôme Boateng nicht als Nachbarn haben wollten. Diese Aussage löste viele Diskussionen aus, jedoch keine sachliche Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus. Das verdeckt die tatsächlichen Abwertungsmuster, die viele Deutsche gegenüber Schwarzen und Muslimen haben. Ein Fussballturnier kann eine mehrwöchige Feier sein. Eine Gesellschaft verändert es aber nicht.

Hören Sie hier das Gespräch mit Ronny Blaschke

5:57 min, aus SRF 4 News aktuell vom 07.07.2016

1998 holte Frankreich im eigenen Land den Weltmeistertitel. Das löste eine regelrechte Euphorie aus. Doch hatte der Sieg auch einen positiven Einfluss auf das Miteinander in dem Land?

Historiker sagen, dass die Wirkung des damaligen Triumphs ungefähr zweieinhalb Jahre anhielt. Spürbar war das durch wirtschaftliches Wachstum und höhere Geburtenraten. Selbst sehr konservative Politiker äusserten sich damals beispielsweise zu einem Bleibestatus für Migranten sehr liberal. Es waren vor allem Intellektuelle, die den Triumph feierten, weniger die Bevölkerung. Intellektuelle, die zuvor vielleicht eher auf den Fussball herabgeschaut hatten. Die Blase wurde aber nicht mit Inhalt gefüllt. Schon 2001 musste ein Länderspiel gegen Algerien abgebrochen werden, später kam es zu Strassenkämpfen in den Banlieues und der Rassismus wuchs an.

Man darf die Wirkung des Fussballs auf die erfolgreiche Integration von Ausländern und Ausländerinnen in einer Gesellschaft also nicht überschätzen?

Nein, man darf die Wirkung nicht überschätzen. Medien und Teile der Wissenschaft schauen oft nicht, wie es hinter dem Personenkult aussieht. Spielt ein Spieler ausländischer Herkunft guten Fussball, heisst das noch lange nicht, dass alle Bevölkerungsgruppen gleichberechtigt integriert sind.

Das Gespräch führte Roger Aebli.