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International «Ein jeder kehre vor seiner Tür...»

Für Athen wird es eng: Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis weibelte in Berlin zwar kräftig für die Anliegen seines Landes. Doch der deutsche Finanzminister Schäuble scheint wenig begeistert von den Vorschlägen.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat seinen griechischen Amtskollegen Yanis Varoufakis dazu aufgefordert, bestehende Vereinbarungen zur Bewältigung der Schuldenkrise einzuhalten.

Athen solle die Gespräche mit den Kontrolleuren der Sparauflagen, der so genannten Troika, wieder aufnehmen. Verlässlichkeit sei die Voraussetzung von Vertrauen, sagte Schäuble nach einem Treffen mit Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis in Berlin.

Griechen brauchen Deutschland

Sein Land sei in einer «Notsituation» und Deutschland sei vielleicht das Land, das die Lage am besten verstehen könne, weil es die Auswirkung von Demütigung und Hoffnungslosigkeit kenne. «Wir brauchen Deutschland an unserer Seite», sagte der griechische Finanzminister.

Doch wie stehen die Chancen für deutsche Unterstützung tatsächlich? Zwar bekräftigte der Finanzminister, Griechenland gehöre zur Eurozone. Doch wurden sich die zwei im Grundsatz nicht einig. Schäuble räumte ein, dass das Gespräch in den eigentlichen Streitpunkten keine Fortschritte gebracht hat. «Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind».

Legende: Video Schäuble und Varoufakis abspielen. Laufzeit 1:31 Minuten.
Aus Tagesschau vom 05.02.2015.

Gegen neuen Schuldenschnitt

«Manche der von der griechischen Regierung angekündigten Massnahmen gehen nicht in die richtige Richtung», so Schäuble. Auch ein erneuter Schuldenschnitt wird von Deutschland abgelehnt. Eine Einigung mit Blick auf eine Lösung für die griechischen Finanzprobleme sei in der Kürze der Zeit auch nicht möglich gewesen.

Der deutsche Finanzminister erinnerte seinen Gast allerdings darauf hin, dass letzten Endes jeder seine Aufgaben erledigen müsse. Und den bekannten Goethe-Spruch konnte er sich nicht verkneifen: «Ein jeder kehre vor seiner Tür, und rein ist jedes Stadtquartier.»

Auf ein grosses Entgegenkommen seitens Deutschland kann Griechenland also wohl kaum hoffen. Denn: «Wir sind bei den Hilfsprogrammen für Griechenland bis an die Grenze des Vertretbaren gegangen», so Schäuble.

Auch EU bleibt hart

Schäubles Haltung spiegelt im Prinzip die Haltung der EU. Aus Brüssel konnte man bereits vernehmen: Geld gibts keines, wenn Griechenland sich nicht auch an die Auflagen der Geberländer hält.

Für SRF-Korrespondent Sebastian Ramspeck ist deshalb klar: Die Charmeoffensive von Varoufakis und Premier Alexis Tsipras hat bisher wenig gebracht. «Die EU ist hart geblieben und die EU-Mitgliedstaaten haben sich nicht auseinanderdividieren lassen.» Die Europäische Zentralbank (EZB) habe im Gegenteil den Druck auf Griechenland weiter erhöht.

Athen könne allerdings darauf setzen, dass die EU kein Interesse an einem Austritt Griechenlands habe. Denn ein solcher Schritt würde zu neuen Unsicherheiten führen, sagt Ramspeck: «Das will am Ende niemand, und das ist der grosse Trumpf der Griechen.» Aus Angst vor der Unsicherheit, die durch einen Austritt Griechenlands entstehen könnte, müssten sich beide Seiten bewegen.

Tausende demonstrieren gegen EZB

Derweil führt der verschärfte Kurs der EZB gegenüber Griechenland zu Protesten. In Athen gingen tausende Menschen auf die Strasse. Die Demonstration vor dem Parlamentsgebäude stand unter dem Motto: «Wir lassen uns nicht erpressen, wir haben keine Angst, wir siegen». Das griechische Volk werde nicht nachgeben, hiess es. In anderen griechischen Städten fanden ähnliche Demonstrationen statt, wie das griechische Fernsehen berichtete.

Putin und Tsipras

Russlands Präsident Putin springt gerne in die Bresche, wenn Europa ein Land verärgert. So hat er den neuen griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras nach Moskau eingeladen und signalisiert, er könne dem Land gegebenenfalls finanziell unter die Arme greifen. Das Treffen soll am 9. Mai stattfinden.

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56 Kommentare

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  • Kommentar von L.Leuenberger, Zürich
    Viele sind ausgewandert, arbeiten in der Landwirtschaft in den EU Länder. Die zu Hause gebliebenen finden bis heute keinen Job, da keine neuen Betriebe gegründet wurden. Die EU Schulden wurden für Zahlungen von Arbeitslosen, Pensionen und einige Infrastrukturprojekte gebraucht. Die EU-Troika täte gut daran diesen Ländern keine strukturellen Ratschläge mehr aufzuzwingen, sie haben bereits viel kaputt gemacht. Diese Länder sollten ihren Weg und wirtschaftliche Entwicklung selber bestimmen.
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    1. Antwort von Gerhard Himmelhan, 3904 Naters
      Hr.L. arbeiten tun in Gr. Albaner, Rumänen, Aegypter, u.a. und die gr. Frauen für einen Hungerlohn ohne Versicherung sowie die Ausgewanderten! Hätte Gr. in den letzten 15 Jahren die Korruption, Vetterliwirtschaft grösstenteils behoben und den fähigen Steuereintreiber nicht in die Wüste geschickt sähe vieles anders aus. Da mal den Hebel ansetzen! 2000 Fam. besitzen 80% des Vermögens. Emotionen helfen dabei gar nichts, siehe Fakten v. Chauvet. Selbst ein Marshallplan versickert dort.
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  • Kommentar von L.Leuenberger, Zürich
    Die Tragödie der Süd-und Ost-Europäischen Staaten begann mit der Einführung der Währung Euro. Über Nacht sind die Bürger mit 400 Euro Lohn erwacht. Wegen Zwangsschliessungen von Betrieben und Privatisierungen wurden massenweise Arbeitsplätze vernichtet, dafür haben jegliche Waren aus dem Westen die Märkte überflutet. Die absurde Idee, mit 400 Euro, im Laden deutsche, französische und holländische Waren zu kaufen, teuren Strom zu bezahlen, ohne Job zu haben, hat Viele zur Verzweiflung gebracht.
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    1. Antwort von Marcel Chauvet, Neustadt
      @Leuenberger: Noch nichts von Globalisierung und Finanzkrise 2008 gehört? Nicht mit Waren aus dem Westen wurden die Märkte überflutet, sondern mit Produkten aus Billiglohnländern aus Asien wie China, Pakistan etc. Griechenland hat vielmehr ein ausgesprochenes Schuldenproblem, d.h. sie leben weit über ihre Verhältnisse. BIP Griechenland: in MRD $ : 1970 = 13, 2008= 342, 2009=321, 2011= 290, 2012= 2492014: = 246,4. Am Wachstum wie Exporte etc., daran müssen die Griechen arbeiten und nicht nur die
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    2. Antwort von L.Leuenberger, Zürich
      Mit Billigwaren aus dem Osten wurden unsere Märkte überflutet. Metro, Billa, Carrefure etc hat für Überflutung im Süden gesorgt. Die Expansion der EU war leider mit wirtschaftlicher Bevormundung, Verschuldung der privaten Haushalten, deutsche Schaffensmentalität gegen Südländische verbunden. Griechenland ist der Anfang, andere EU Länder probieren auch suveräner zu handeln. Noch nie gehört über Streiks in Spanien, Ungarn, Rumänien? Zurzeit hat der Süden nur Schulden,Sonne und Meer im Überfluss.
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  • Kommentar von m.mitulla, wil
    Der berühmte Wirtschaftsprofessor Paul Krugman spricht Klartext: Er lobt zwar den Euro, erwartet aber seinen Untergang. Und er wirft Deutschland im Umgang mit den Euro-Südländern Heuchelei vor: Früher habe Deutschland von der dortigen Inflation profitiert, heute verlange es strikte Sparpolitik.
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