Schanghai-Kooperationsrat Ein ungefährlicher Rivale

In Kasachstan wurde in diesen Tagen Weltpolitik gemacht. Nicht eingeladen: der Westen. Die Analyse von Fredy Gsteiger.

2001 war der Westen stark. Er hatte den Kalten Krieg gewonnen. Die Nato dehnte sich aus nach Osten, die EU ebenso. Prinzipien, die manche als westliche bezeichnen – Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte – befanden sich auf dem Vormarsch. Weltweit.

Russland und China sahen dem nicht tatenlos zu. Sie wählten den Schulterschluss, der auch zentralasiatische Länder einschloss.

Die Interessen der beiden Gründungsmitglieder dieses Schanghai-Kooperationsrats waren indes von Anfang an nicht deckungsgleich. China ging es darum, seinen Einfluss in Zentralasien zu stärken und Rohstofflieferanten an sich zu binden. Russland sah in der Organisation primär einen antiwestlichen Stosstrupp.

Ein beliebter Club

Dennoch gedeiht der Kooperationsrat aus Sicht der Initiatoren prächtig. Man legt Grenzstreitigkeiten bei, geht die islamistische Terrorismusbedrohung gemeinsam an, spannt in der Drogenbekämpfung zusammen und führt sogar Militärmanöver durch. Sie sind zwar eher eine vertrauensbildende Massnahme. Denn eine gemeinsame Sicherheitspolitik oder eine koordinierte Kommandostruktur existiert nicht mal ansatzweise.

Der Schanghai-Kooperationsrat ist aber offenkundig so attraktiv, dass er neue Mitglieder anlockt. Indien und Pakistan sind seit dem jetzigen Gipfel gar Vollmitglieder. Der Iran, Afghanistan, Weissrussland und die Mongolei stehen auf der Warteliste. Selbst die Türkei, deren Präsident dem Westen eine lange Nase drehen will, erwägt eine Mitgliedschaft.

Chinas Übermacht

Doch gerade punkto Mitgliederkreis sind sich China und Russland uneinig: Moskau will den Klub vergrössern, damit die Organisation gegenüber dem Westen mehr Gewicht auf die Waage bringt und die interne Dominanz Chinas verringert wird. Peking ist skeptisch.

Die Chinesen wiederum würden gerne milliardenschwere Fonds aufbauen für Infrastrukturausbau, Stipendien oder einen Krisenfonds. Das hingegen will Russland nicht. Es könnte bei der Finanzierung nicht mithalten; Chinas Übergewicht nähme also sogar noch zu. Die Rivalität zwischen der Supermacht und der blossen Grossmacht wird zwar von den Beteiligten stets kleingeredet, tatsächlich ist sie gross. Das stösst vor allem dem Juniorpartner Russland sauer auf.

Kein gefährlicher Rivale

Dazu kommt: Die Einigkeit im Schanghai-Rat wird geringer, je mehr Mitglieder er zählt. Und mit dem Vollbeitritt des demokratischen Indiens eignet er sich immer weniger als Allianz der Autokraten. Zumal eine solche immer weniger nötig ist. Denn das Gewicht des Westens in der Welt, demographisch, wirtschaftlich und politisch, schwindet ohnehin. Zum Teil unweigerlich, zum Teil selbstverschuldet durch den neuen US-Präsidenten.

Der Schanghai-Kooperationsrat wird dadurch längst nicht zu einem privilegierten oder gar natürlichen Partner des Westens. Ängste jedoch, es wachse da ein gefährlicher Rivale heran, sind übertrieben. Weit übertrieben.