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International «Eine Fussball-EM, keine Prügel-EM»

Russlands Fussball hat ein Problem mit prügelnden Fans. Der Kreml ruft nun dazu auf, die Gewalt sein zu lassen. Allerdings sind die Hooligans lange vom Staat umschmeichelt worden.

Solche Töne ist man sich aus Moskau nicht gewohnt. Russische Fussball-Fans sollen sich «an die Gesetze des Landes zu halten, in dem sie sich aufhalten», sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Für russische Verhältnisse ist das schon fast ein Schuldeingeständnis. Normalerweise reagiert der Kreml mit einer Trotzhaltung, wenn Vorwürfe aus dem Ausland kommen.

Legende: Video Hooligans: Gekommen, um zu prügeln abspielen. Laufzeit 03:42 Minuten.
Aus 10vor10 vom 14.06.2016.

Nach den gewalttätigen Ausschreitungen von Marseille geht das nicht mehr. Videos im Internet dokumentieren, wie russische Fans auf wehrlose Menschen einprügeln. Auch Nationalspieler Artjom Dzjuba meldete sich zu Wort: «Das ist eine Fussball-EM, nicht eine Prügel-EM.»

Dass das offizielle Russland jetzt reagiert, ist kein Wunder. Das Land hat einen enormen Image-Schaden erlitten. In den letzten Jahren hat der Kreml riesige Summen in Sportanlässe investiert. 2018 wird die Fussball-WM in Russland stattfinden. Prügelnde Fans passen da nicht ins Bild.

Fan-Chef hat zweifelhafte Vergangenheit

Allerdings: Ganz glaubwürdig sind die Ordnungsrufe aus Moskau nicht. Die russische Hooligan-Szene ist von der Staatsmacht sehr lange umworben worden. Eine zentrale Rolle spielt dabei Alexander Schprygin. Er ist Chef des Dachverbands russischer Fans. Ein Mann mit zweifelhafter Vergangenheit. Er war lange in der ultra-nationalistischen Fanszene aktiv. Die Moskauer Oppositionszeitung «Nowaya Gazeta» hat Fotos gefunden, auf denen Schprygin mit dem Hitler-Gruss posiert – oder mit einer Schnellfeuerwaffe der deutschen Wehrmacht.

Inzwischen trägt Schprygin auch mal Schlips und Krawatte. Offiziell arbeitet er als Assistent des rechtsnationalen Parlamentsabgeordneten Igor Lebedew. Lebedew ist es auch gewesen, der die Fan-Gewalt auf seinem Twitter-Account gerechtfertigt hat. «Ich sehe nichts Schlimmes in dieser Prügelei. Im Gegenteil: Unsere Jungs haben das gut gemacht. Weiter so!»

«Weiter so!» Parlamentarier Lebedew rechtfertigt Fan-Gewalt

Fan-Chef Schprygin ist derweil ein gefragter Mann. Am staatlichen Fernsehen darf er ausführlich darüber berichten, wie die französische Polizei gegen russische Hooligans vorgeht. Die Tonalität ist ziemlich selbstgerecht: die Fans werden als Opfer aggressiver Sicherheitskräfte dargestellt.

In Russland werden die Hooligans von der Staatsmacht pfleglicher behandelt. Es gibt ein Foto, auf dem Alexander Schprygin mit Präsident Wladimir Putin posiert.

Eine «Prügel-Truppe» des Kreml?

Der bekannte liberale Oppositionspolitiker Ilja Jaschin geht noch weiter. «Die Fan-Organisationen arbeiten in Russland schon lange eng mit den Behörden zusammen», schreibt Jaschin in einem Artikel. Hooligans würden auch gelegentlich herangezogen, um «bestimmte Aufgaben» zu lösen. Konkret: gewalttätige Überfälle auf unliebsame Kritiker. Jaschin: «Es ist nicht auszuschliessen, dass die britischen Fans in Frankreich von denselben Leuten angegriffen wurden, die früher gewaltsam gegen russische Oppositionelle vorgegangen sind.»

Sind die Hooligans eine Art Prügeltruppe des Kreml? Jaschins These ist kühn – und nicht zu beweisen. Fest aber steht: mit ihrem übertriebenen Nationalismus passen die radikalen Fussballfans in Russlands Zeitgeist. Seit der Krim-Annexion arbeitet der Kreml am Bild eines wehrhaften Russland, das notfalls auch Gewalt einsetzt, um seine Interessen durchzusetzen. Nationalismus ist zu einer Quasi-Staatsideologie geworden.

Es wirkt, als hätten die Hooligans diese Ideen zu wörtlich genommen – mit blutigen Folgen im Fussball-Stadion.

David Nauer

David Nauer

David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Fabio T. (Alpha Privativum)
    Nennt es eine Verschwörung, aber das Ganze scheint mir langsam recht suspekt zu werden. Es ist mir nicht bekannt dass es schon jemals solche Ausschreitungen dieses Ausmasses an einer EM gab, es sind nicht die Menschen die sich ändern, es ist die Politik welche massgebend an diesen Strömungen beteiligt ist oder sogar diesen Konflikt schürt, wie etwa auch die deutschen Grünen welche mit ihrem Aufruf zur Unterbindung der Schwenkung der Nationalflagge nur gegenteilige Wirkung erzielt haben!
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  • Kommentar von Marcel Chauvet (xyzz)
    Es besteht große Hoffnung, dass die Russen auf sportlichem Wege in der Vorrunde aus der EM ausscheiden und damit ihre Krawallmacher-Begleitung vorzeitig das Weite sucht. Soeben haben die Russen das Spiel gegen die winzige Slowakei verloren. Zu Sowjetrusslands Zeiten wäre das nicht passiert, da hätten die Russen haushoch gewonnen. Putins Russen-Sieger-Gene sind wohl auch nichts anderes als leere Sprüche. Gekocht wird überall mit Wasser oder sportlicher Performance, bitte ohne Doping.
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  • Kommentar von Stanic Drago (Putinversteher)
    Ich werde mich versuchen in Stil von SRF ausdrücken. Russische Hooligans senden ein Signal an Britische Hooligans. Tont viel besser.
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