Empörung über Vergewaltigung kann in Indien viel bewirken

Erneut ist in Indien ein Fall einer Massenvergewaltigung bekannt geworden. Doch diesmal scheint es nicht mehr den Druck der Strasse zu brauchen, bis die Männer zur Rechenschaft gezogen werden. Möglicherweise hat ein Umdenken begonnen, findet die SRF-Korrespondentin Karin Wenger.

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Ein Umdenken in Indien ist möglich

1:44 min, aus Tagesschau vom 13.1.2013

Die Vergewaltigung einer jungen Frau durch sechs Männer vor rund einem Monat und ihr späterer Tod haben in Indien hohe Wellen geworfen. Vielerorts gingen Menschen auf die Strasse und protestierten gegen die allgegenwärtige Gewalt und Geringschätzung von Frauen in der Gesellschaft.

Schüler mit Kerzen halten ein Transparent mit der Aufschrift «No Rape». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Empörung über die Brutale Vergewaltigung birgt die Chance einer gesellschaftlichen Veränderung, findet Karin Wenger. Reuters

Auch nach mehreren Wochen ist die Empörung über den Fall nicht abgeebbt. Nun hat sich ein ähnlicher Fall zugetragen: Wieder wurde eine Frau von mehreren Männern in einem Bus vergewaltigt. Doch dieses Mal wurden die mutmasslichen Täter sofort festgenommen.

« Heute wird über diese Fälle auf der Front-Seite oder in der Prime-Time berichtet. »

Karin Wenger macht in Indien Zeichen eines Wandels aus, was die Rolle der Frau angeht. Sie berichtet für Radio SRF seit mehreren Jahren aus dem Land.

Seit dem Fall im Dezember sei die Aufmerksamkeit für Vergewaltigungen merklich gestiegen, sagt die SRF-Korrespondentin: «Heute wird über diese Fälle auf der Front-Seite oder in der Prime-Time berichtet. Früher waren es Kurznachrichten – wenn überhaupt berichtet wurde.»

«Heute ist es akzeptierter, über eine Vergewaltigung zu sprechen und sie nicht primär als Schande zu sehen», sagt Wenger. Allerdings dürfe man sich nichts vormachen: Auch heute zeigten tausende vergewaltigter Frauen ihre Peiniger nicht an – nicht zuletzt, weil sie sich vor der Polizei fürchten.

Justiz war bislang kaum abschreckend

Ein grosses Problem bei der Ahndung sieht Wenger darin, dass die Justiz auf die potentiellen Täter keine abschreckende Wirkung hatte. «Fälle wurden jahrelang verschleppt. 40‘000 Verfahren wegen Vergewaltigung sind derzeit bei indischen Gerichten hängig.» Weniger als ein Drittel der Männer, die wegen Vergewaltigung angezeigt worden seien, würden auch tatsächlich verurteilt.

Ein grosses Problem bleibe allerdings, dass Mädchen in Indien als weniger wertvoll gelten als Jungen. «Wenn sich dieses Denken nicht ändert, dann werden wohl auch harte Strafen nur begrenzt wirken», gibt Wenger zu bedenken. Ob sich diese Haltung grundsätzlich ändert, werde sich in den kommenden Wochen zeigen. Denn in den letzten Jahren sei es immer wieder vorgekommen, dass grosse Skandale letztlich doch irgendwann versandet sind.