Erdogan trifft Putin: Neuanfang einer fruchtbaren Beziehung?

Russlands Staatschef Putin empfängt am Dienstag in St. Petersburg den türkischen Präsidenten Erdogan. Zehn Monate nach den Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei bedeutet dies Tauwetter. Ein Neustart der Beziehung könnte für beide Seiten vielversprechend sein.

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Attacke auf Europa: Erdogan trifft seinen «Freund» Putin

1:48 min, aus Tagesschau vom 8.8.2016

Am Dienstag wird ein Neuanfang auf dem politischen Parkett gestartet. Wenn Russlands Staatschef Wladimir Putin in seiner Heimatstadt St. Petersburg den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan trifft, endet eine zehnmonatige Eiszeit.

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges durch die Türkei im vergangenen November nähern sich die beiden Staaten erstmals wieder an. Das Treffen bedeutet nicht nur das symbolische Ende einer Krise. Eine politische Zusammenarbeit ist für beide Staaten interessant und auch handfeste wirtschaftliche Interessen spielen eine Rolle.

Der abstürzende Kampfjet. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Einer der beiden Piloten kam beim Abschuss des Kampfjets ums Leben. Keystone

Die Vorgeschichte

Dass Putin und Erdogan wieder miteinander sprechen, erschien noch im Juni beinahe als undenkbar. Der Abschuss eines russischen Kampfjets im November 2015 durch die Türkei hatte eine gigantische diplomatische Krise ausgelöst.

Putin reagierte erbost und ergriff umfassende Wirtschaftssanktionen. Die Charterflüge von Russland in die Türkei wurden eingestellt, was ein schmerzhafter Schlag für den dortigen Tourismus bedeutete. Zudem wurde die Einfuhr von türkischem Obst und Gemüse grundsätzlich verboten.

Mit einem gewieften Schachzug gelang es Erdogan, die Krise zu überwinden. Ende Juni entschuldigte er sich in einem Brief – wie von Putin gefordert – für den Abschuss des Kampfflugzeugs. Um sein Gesicht zu wahren, richtete er die Entschuldigung jedoch lediglich an die Opfer und nicht an die russische Führung. Moskau las aus dem Brief aber das geforderte Bedauern heraus.

Ankara braucht Verbündete

Das vermutliche Ende der Eiszeit kommt für Erdogan zu einem günstigen Zeitpunkt. Die Türkei wendet sich je länger, je mehr von der EU und den USA ab. Erdogan ärgert, dass westliche Politiker den Putschversuch von Mitte Juli zwar verurteilen, im selben Atemzug aber die Einhaltung demokratischer Werte in der Türkei anmahnen. Erdogans Trip nach St. Petersburg könnte also ein Hinweis auf die Neuorientierung Ankaras sein. Türkische Regierungskreise bemühten sich jedoch darum, Sorgen zu zerstreuen, Erdogans Besuch könnte eine Abkehr von der EU bedeuten.

Touristen, Obst und Erdgas – diverse wirtschaftliche Interessen

Neben einem neuen Verbündeten auf dem politischen Parkett ist Ankara auch dringend auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit angewiesen. Besonders dürfte sich die darbende türkische Tourismus-Industrie über das Tauwetter zwischen Moskau und Ankara freuen. Gehörten die Russen doch vor der Krise zur den wichtigsten Touristengruppen in der Türkei. Auch im Exportmarkt für Gemüse und Obst ist Russland ein wichtiger Abnehmer.

Aber auch für Russland könnte ein Neuanfang zwischen den beiden Ländern fruchtbar sein. Im Bereich der Energie verbinden beide Länder milliardenschwere Initiativen. So soll eine Pipeline zum Transit von Erdgas vom russischen Küstenort Anapa über die Türkei bis nach Griechenland weitergebaut werden. Zudem baut Russland derzeit ein Atomkraftwerk an der türkischen Südküste. Aus Ankara hat Moskau lukrative Zusagen für die Stromabnahme erhalten.

Baschar al-Assad. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Russland will mit, die Türkei ohne ihn: Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Keystone

Zankapfel Syrien

Neben den vielversprechenden Möglichkeiten für beide Länder bestehen aber immer noch Differenzen. Bezüglich der Zukunft Syriens sind sich Erdogan und Putin noch nicht grün. Während Russland nach wie vor am syrischen Machthaber Assad festhält, hält die Türkei einen politischen Übergang in Syrien für unmöglich, solange Assad noch an der Macht ist.

Dass Russland den syrischen Kurden der PYD, einem Ableger der türkischen PKK, erlaubt hat, in Moskau ein Büro zu eröffnen, ist Erdogan ebenfalls ein Dorn im Auge.