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International Erleichterung nach der grossen Wut in Baltimore

Wo vor kurzem noch Gewalt und Chaos herrschte, wird nun gefeiert und gejubelt: Auf den Strassen Baltimores ist die Anklage gegen sechs Polizisten wegen Mordes und Totschlags am Schwarzen Freddie Gray mit grosser Genugtuung aufgenommen worden.

Legende: Video Jubel nach der Mordanklage abspielen. Laufzeit 0:31 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 02.05.2015.

Jubel, Hupkonzerte, Menschen, die einander umarmen und die geballte Faust gegen den Himmel halten: Eine jubelnde Menge hat sich im Westen Baltimores versammelt, wo der Schwarze Freddie Gray am 12. April verhaftet worden war. Sie feierten die Nachricht, dass sechs Polizisten angeklagt worden sind und sich für den Tod Grays verantworten müssen.

«Jetzt haben wir, was wir wollten», sagte eine Frau, die zusammen mit tausenden anderen an der Freudenkundgebung teilnahm. «Es waren die Menschen auf der Strasse, die das ermöglicht haben», erklärte Menschenrechtsaktivist Osagyefo Sekou. «Nun liegt es an uns, hier zu bleiben und den Druck aufrecht zu erhalten.» Andere bleiben skeptisch. Eine Anklage sei keine Verurteilung, meint eine andere Frau: «Tun die das vielleicht nur, um uns ruhig zu stellen?»

Legende: Video Einschätzung von Thomas von Grünigen abspielen. Laufzeit 0:22 Minuten.
Aus Tagesschau Nacht vom 01.05.2015.

Anklage: Mord und Totschlag

Tatsächlich werden die Urteile erst in einigen Monaten gefällt. Doch die Vorwürfe wiegen schwer: Ein Polizist ist wegen Mordes angeklagt, drei weitere wegen Totschlags, alle wegen Körperverletzung. Insgesamt kommt man auf 28 Anklagepunkte. Der 25-jährige Gray war am 12. April festgenommen worden und erlitt darauf in Polizeigewahrsam schwere Rückenverletzungen. Er fiel ins Koma und starb am 19. April.

Freddie Gray sei grundlos verhaftet worden, erklärte die 35-jährige Staatsanwältin Marilyn Mosby am Freitag vor den Medien. Sie warf den Polizisten vor, Gray beim Transport in einem Polizeibus misshandelt und ihm medizinische Versorgung verweigert zu haben. Die Beamten hätten Gray ohne ihn anzuschnallen auf den Bauch in das Auto gelegt. Er habe sterben müssen, weil er sich beim Transport im Polizeibus das Genick gebrochen habe.

So früh hatte niemand mit einer Anklage gerechnet. Mosby hatte den Untersuchungs- und Autopsiebericht der Polizei erst wenige Stunden zuvor erhalten. Die drei weissen und drei schwarzen Polizisten wurden verhaftet, sind inzwischen aber gegen Kaution wieder frei gekommen.

Familie zufrieden, Polizei protestiert

«Wir sind mit den heutigen Vorwürfen zufrieden», sagte der Stiefvater des 25-Jährigen an einer Medienkonferenz. Diese Anklagen seien ein wichtiger Schritt, um Gerechtigkeit für Freddie zu erreichen.

Die lokale Polizeigewerkschaft hingegen kritisiert das Vorgehen der Staatsanwaltschaft aufs Schärfste. Das sei eine «ungeheuerliche Vorverurteilung», liess sie über ihren Anwalt verlauten. Er sagte, er habe noch nie erlebt, dass eine Anklagebehörde so eilig ein Strafverfahren einleitete. Sie habe unter dem Druck der Proteste gegen den Tod Grays gehandelt, wirft der Anwalt Mosby vor. «Wir glauben, dass die Beamten entlastet werden und nichts falsch gemacht haben.»

Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake betonte dagegen an einer Medienkonferenz: Niemand in ihrer Stadt stehe über dem Gesetz. Und in Washington erklärte Präsident Obama, er wünsche sich jetzt einen fairen Prozess und vor allem eines: Die ganze Wahrheit.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Edi Steinlin, Zürich
    Gehören zur grossen Wut nach diesem tragischen Vorfall eigentlich Sachbeschädigungen, Plünderungen, Brandstiftungen und Gewalt gegen Beamte ???
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    1. Antwort von D.Thrum, Zürich
      Wenn sich die Leute nur halb so sehr über das Leben von Schwarzen empören würden (über 300 von der Polizei ermordete seit Anfang Jahres), wie über leicht zu ersetzende Dinge, dann würden diese Ausschreitungen gar nicht erst passieren.
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  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Bei Prozessen geht es stets um Beeinflussung ganzer Volksschichten. Das ist das Grundprinzip von Regeln und Gesetzen. In jedem Land gibt es Personenschichten, die bevorzugt behandelt werden (sieht man bei jeder Kriminalgeschichte). Andere haben es nicht so gut, weil sie früher vlt. ausgebeutet wurden (Sklaven). Der Weg vom Ausgebeuteten zum gleichwertigen Bürger ist in allen Ländern ein weiter Weg. Es gibt noch extremere Beispiele als in den USA. Die USA ist als Führungsmacht im Focus.
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  • Kommentar von Jonas Blatter, Bern
    da die sechs beschuldigten Polizisten, wovon übrigens drei schwarz sind, bereits von allen und jedem vorverurteilt worden sind, wird wohl kein fairer Prozess möglich sein. Dies obschon die Anhaltung des Verdächtigen gemäss für jedermann einsehbaren Video absolut korrekt abgelaufen ist. Leider geht es schon lange nicht mehr um die Sache sondern um Ideologien.
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    1. Antwort von Marco Lüscher, Kreuzlingen
      Ja, Sie haben recht: Es geht um Ideologien. Aber nicht um Ideologien in Ihrem Sinn, sondern um die einer breiten weißen Mittel- und Unterschicht in den USA, welche die Afro-Amerikaner nach wie vor für eine minderwertige Menschenrasse halten. Und diese Ideologie hat - siehe die div. Kommentare zu diesem Fall - auch bei uns leider eine beträchtliche Anhängerschaft.
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