Erstaunliche Ruhe in der arabischen Welt

Sie waren noch brutaler als angenommen: Die Verhörmethoden des US-Geheimdienstes CIA in ausländischen Gefängnissen nach dem 11. September 2001. Entsprechend heftig waren die Reaktionen auf den Folterbericht. Doch ausgerechnet in der arabischen Welt bleibt der Aufschrei der Empörung aus.

Ein maskierter, bewaffneter Mann steht auf einem Markt vor einem Orangen- und einem Bananenstand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Keine Proteste: Der Alltag in Ägypten geht trotz der Publikation des Folterberichts normal weiter. Keystone

SRF: Im Bericht zu den CIA-Methoden, der am Dienstag veröffentlicht wurde, ist die Rede von Folter und systematischen Menschenrechtsverletzungen. Die UNO und Menschenrechtsorganisationen pochen auf strafrechtliche Konsequenzen. In der arabischen Welt ist es bisher ruhig geblieben. Woran liegt das?

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Astrid Frefel

Portrait von Astrid Frefel

Die Journalistin lebt und arbeitet seit Ende der Neunzigerjahre in Kairo. Davor war die Ökonomin aus Basel Wirtschaftsjournalistin für verschiedene Zeitungen und berichtete als Korrespondentin für den «Tages-Anzeiger» aus Wien und Istanbul.

Astrid Frefel: Die Enthüllungen haben hier kaum schockiert. Der grösste Schock waren damals die Bilder aus dem irakischen Gefängnis von Abu Ghraib. Etwas Schlimmeres kann es in der öffentlichen Meinung in dieser Region nicht geben. Die lokalen Medien haben deshalb diese neuen Enthüllungen vor allem als amerikanisches Problem und aus der amerikanischen Optik dargestellt. Aber man verfolgt das Thema natürlich sehr aufmerksam und will wissen, was die Konsequenzen sind.

Gab es auch Reaktionen von offizieller Seite, etwa von den Regierungen arabischer Länder?

Man darf nicht damit rechnen, dass Regierungen auf den Bericht reagieren. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum Einen sind mehrere Länder dieser Region aktive Unterstützer des CIA. Dazu gehören Ägypten, aber auch die Golfstaaten. Die Verschleppungen von vermuteten Terroristen gehen ja weiter, zum Beispiel in Libyen. Kommt hinzu, dass Folter und Übergriffe der Sicherheitsorgane auch in diesen Ländern sehr verbreitet sind. Deshalb ist man vorsichtig mit Kritik an anderen Staaten.

Der Bericht spricht von Folter in der Vergangenheit, als George W. Bush US-Präsident war. Glauben die Menschen, dass die USA im Kampf gegen den Terror die Menschenrechte mittlerweile respektieren?

Die Bilder von Abu Ghraib und Guantánamo sind unauslöschlich eingeprägt. Die Öffentlichkeit macht da keinen Unterschied, wer die Verantwortung trägt. Man geht allgemein davon aus, dass sich daran nicht viel geändert hat. Die neuen Enthüllungen zementieren vielmehr die verbreitete negative Haltung gegenüber den USA.

In Ägypten ist derzeit die Anti-USA-Stimmung sehr virulent, weil man in den USA den Putsch im letzten Jahr auch als solchen bezeichnet hat. Und schliesslich macht man die USA und ihre verschiedenen Interventionen in der Region auch dafür verantwortlich, dass in Afghanistan, Irak, Syrien und Libyen derzeit Chaos und Terror herrschen.

Das Gespräch führte Miriam Knecht.

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