«Es wächst eine Generation von Monstern heran»

Dokumente, die ein Geschäftsmann der Zeitung «The Guardian» zugespielt hat, sollen Einblick in das Innenleben des so genannten Islamischen Staates geben. Der Islamwissenschaftler und Buchautor Christoph Reuter hat die Papiere analysiert.

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Bildlegende: Ein IS ohne Territorium wäre viel gefährlicher, sagt Christoph Reuter. IMAGO

SRF News: Sind diese Dokumente echt?

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Christoph Reuter

Christoph Reuter

Christoph Reuter arbeitet für das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Sein Spezialgebiet ist der Nahe Osten. In seinem viel beachteten Buch «Die schwarze Macht» zeigt er die Entstehung und Entwicklung des IS auf.

Christoph Reuter: Es spricht nichts dagegen, dass sie echt sind. Sie entsprechen exakt dem, was aus früheren, internen Veröffentlichungen des IS bekannt ist. Nämlich eine ausgedehnte, ausgeklügelte Bürokratie. Es läge exakt im Trend dessen, was bekannt ist. Insofern ist das nicht überraschend. Anzeichen dafür, dass es gefälscht sein könnte gibt es auch nicht.

Über den Geschäftsmann, der die Papiere der Zeitung «The Guardian» weitergegeben hat, ist wenig bekannt. Die Zeitung sagt, aus Sicherheitsgründen. Wie können wir sicher sein, dass wir hier nicht der IS-Propaganda aufsitzen?

Naja, zum Teil ist es IS-Propaganda, weil es sich um Schulungsmaterialien für die eigenen Verwaltungskader handelt. Es ist nicht «das denken wir im Innersten», sondern «das präsentieren wir den Leuten, die für uns arbeiten sollen».

In den Dokumenten steht unter anderem, dass ein Schulsystem eingeführt werden soll. Dass also kleine Kinder bereits mit dem Gedankengut des IS indoktriniert werden sollen. Wenn das stimmt: Was für Generationen wachsen da heran?

Eine Generation von Monstern. Aber das passiert ja schon längst: Jugendlager wie das Bin-Laden-Trainingscamp für zehn bis 14-Jährige existieren schon. Kleine Jungen werden gehirngewaschen, wachsen damit auf, dass es keinerlei Autoritäten in der Familie mehr gibt, sondern nur noch Gottes Stellvertreter der Islamische Staat.

«  Das ist so wie die Hitler-Jugend in der Hardcore-Version. »

Lässt sich dieser Schaden überhaupt beheben, wenn junge Menschen derart indoktriniert werden?

Das ist so wie die Hitler-Jugend in der Hardcore-Version. Am Enden des Zweiten Weltkrieges, als sich Jugendliche mit der Panzerfaust aufgemacht haben, um die Rote Armee zu stoppen und hinterher über sich selbst sagten: «Mein Gott, wie waren wir verblendet». Manche werden es später begreifen, aber erstmal werden viele von ihnen an aussichtslosen Kämpfen teilnehmen. Das ist das Ziel dieser Erziehung.

«  Die IS-Leute überleben dadurch, dass sie plündern, plündern, plündern. »

Die Papiere stammen aus dem letzten Jahr uns sie sind so etwas wie die Vision eines Islamischen Staates. Wie weit ist denn der IS in der Realität entfernt von diesem Wunschbild?

Im Prinzip existiert all das, was dort beschrieben wird. Durch die anhaltenden Luftangriffe hat der IS aber das Problem, militärisch nicht weiter expandieren zu können. Und was in diesem Papieren nicht steht, ist dass der IS im Wesentlichen eine Beuteökonomie ist. Die IS-Leute überleben zumindest vorläufig sehr stark dadurch, dass sie plündern, plündern, plündern. Und dafür müssen sie weitere Eroberungen machen, was sie im Moment aber nicht können. Insofern sind sie im Prinzip dort angekommen, wo sie hinwollten, aber relativ pleite und ihr Image, der Motor des Ganzen, die ewig siegreiche, expandierende Truppe zu sein, ist ein bisschen zum Erliegen gekommen.

«  Der IS wäre sehr viel gefährlicher, wenn er kein staatliches Territorium mehr hätte. »

Gibt es so etwas wie eine Kommunikationsabteilung, wie das in den Papieren vorkommt oder so etwas wie ein Ministerium für Aussenhandel?

Ja, es gibt zumindest Abteilungen. Wir sehen ja alle die Videos bis hin zu Filmchen über eine Fabrik für Aluminiumtöpfe und Haushaltswaren, die der «wunderbare IS» den Menschen gegeben hat. Sie sind eine gut funktionierende Bürokratie.

Wenn der IS einen solchen staatlichen Apparat aufbaut, ist es dann einfacher oder schwieriger, ihn zu bekämpfen?

Er ist verwundbar, weil er eine Adresse hat. Man könnte seine Anschläge von Paris auch so deuten, «wenn ihr uns weiter bombardiert, dann werden wir unsererseits zurückschlagen.» Der IS wäre sehr viel gefährlicher, wenn er kein staatliches Territorium mehr hätte. Dann wäre er seinerseits nicht mehr angreifbar. Man kann die Anschläge auch als Botschaft lesen: «Lasst uns in Ruhe, dann lassen wir euch in Ruhe.»

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

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