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International Exhumierung Kaczyńskis: Zwillingsbruder strickt an einem Mythos

Mehr als sechs Jahre nach dem Flugzeugabsturz in Smolensk sollen die Opfer erneut untersucht werden. Die Regierung will die These eines Anschlags erhärten. Neue Fakten gibt es aber keine. Was dahinter steckt.

Kranzniederlegung
Legende: Der polnische Präsident Andrzej Duda (Mitte) gedenkt dem Flugzeugabsturz 10. April 2016 in Smolensk. Keystone/Archiv

SRF News: Am Montag soll Lech Kaczyńskis exhumiert werden. Gibt es neue Fakten, die eine solche Untersuchung rechtfertigen würden?

Urs Bruderer: Eigentlich gibt es die nicht. Es erschien Anfang letztes Jahres einmal eine Meldung von einer neuen, besseren, längeren Flugschreiber-Aufnahme. Was darauf zu hören wäre, wurde nie bekannt. Zwei grosse Berichte und Expertisen auch ausländischer Wissenschaftler lassen aber kaum einen Zweifel zu, was damals geschah. Das Flugzeug wollte landen und flog zu tief, es blieb an einer Birke hängen und brach auseinander. Doch das hält die polnische Regierung nicht davon ab, alte Zweifel weiter zu schüren und die Theorie eines russischen Anschlags auf den polnischen Präsidenten weiterzuverfolgen. Sie tut dies übrigens ganz im Stil von Verschwörungstheoretikern. Je grösser die Indizien für das Gegenteil sind, desto grösser der Skandal und die Irreführung der Öffentlichkeit. Deshalb werden jetzt auch diese Leichen exhumiert.

Was genau bezweckt die Regierung mit dieser Übung?

Nach ihrer Theorie brach das Flugzeug im Flug auseinander, wahrscheinlich wegen einer Explosion, wahrscheinlich wegen einer Bombe. Man wird vermutlich nach Brandspuren an den Leichen suchen, das könnte auf eine Explosion hindeuten. Oder schon nur auf Spuren, die dies wenigstens nicht ausschliessen. Und dann leben die Zweifel weiter und der Mythos von Smolensk erhält weitere Nahrung.

Weshalb ist es Kaczyński so wichtig, dass dieser Mythos weiterlebt?

Darauf gibt es mehrere Antworten, eine davon ist psychologisch. Jaruslaw Kaczyński scheint es nicht zu verkraften, dass sein geliebter Zwillingsbruder wegen eines Pilotenfehlers und einer Birke ums Leben kam. Als Opfer eines politischen Anschlages wäre sein Bruder Lech nicht einfach ein Unfallopfer, sondern ein tragischer Held der polnischen Geschichte. Es gibt auch noch eine politische Antwort: Die Anschlagstheorie birgt nämlich politischen Sprengstoff. Immer wieder legen ihre Anhänger nahe, dass die damalige polnische Regierung von Donald Tusk mit den Russen, die den Anschlag verübt haben sollen, unter einer Decke steckte. Tusk ist heute Präsident des Europäischen Rates der EU.

Die Regierung hat sogar schon öffentlich darüber spekuliert, dass Tusk für seine Rolle im Unglück von Smolensk vor Gericht gezogen werden könnte.

Er ist immer noch der grösste Widersacher der jetzigen Regierungspartei von Jaroslaw Kaczyński. Die Regierung hat sogar schon öffentlich darüber spekuliert, dass Tusk für seine Rolle im Unglück von Smolensk vor Gericht gezogen werden könnte. Dem politischen Gegner sollen damit Probleme bereitet werden.

Nicht nur der damalige Präsident und seine Frau sollen exhumiert werden, sondern auch die 94 anderen Todesopfer dieses Absturzes. Wie sehen das die Angehörigen der anderen Opfer?

Es kamen ja damals fast 100 Leute der polnischen Elite ums Leben. Wissenschaftler, hohe Armeeangehörige, Beamte und Politiker vieler Parteien. Viele von deren Angehörigen sind entsetzt über die Exhumierungspläne. Nach ihrem Gefühl begeht die Regierung da eine Art Leichenfledderei und sie missbraucht die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen für politische Zwecke. Dagegen wurde schon demonstriert, aber ohne Erfolg.

Ist es denkbar, dass die erneute Untersuchung zum Schluss kommt, dass die Anschlagsthese wirklich falsch ist?

Ich glaube nicht. Der Auftrag der Regierung an die handverlesene Schar von Experten ist ziemlich klar, sie sollen herausfinden, warum das Flugzeug in der Luft auseinanderbrach. Dass es bei der Landung im dichten Nebel neben der Piste zerbarst, scheint dadurch ausgeschlossen. Offen ist eigentlich nur noch, wie deutlich der Drahtzieher des angeblichen Anschlags genannt werden wird, also Russland, und wie sehr die damalige polnische Regierung als Mittäter oder Mitwisser gebrandmarkt wird. Ob sie den angeblichen Anschlag mitgeplant hat, ob sie dabei geholfen hat, ihn zu vertuschen oder ob sie nur schlampig war bei der Aufklärung. Das hat alles mit der Wirklichkeit nicht sehr viel zu tun. Es ist vielmehr so, dass sich diese Regierung ihre eigene Wirklichkeit schafft und eine Legende zimmert.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

Urs Bruderer

Portrait von Urs Bruderer

Der Journalist wirkt seit 2006 für SRF, zunächst als Produzent der Sendung «Echo der Zeit». 2009 wurde er EU-Korrespondent in Brüssel. Seit 2014 berichtet Bruderer aus Osteuropa. Er hat Philosophie und Geschichte studiert.

Katastrophe von Smolensk

Am 10. April 2010 stürtzt die polnische Präsidentenmaschine ab. Unter den 96 Opfern sind Präsident Lech Kaczynski, die Oberkommandierenden des polnischen Militärs, mehrere Mitglieder des Parlamentspräsidiums, Abgeordnete und Senatoren. Sie waren unterwegs zu einer Gedenkfeier für die Opfer der Massaker von Katyn.

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