Flüchtlinge aus Afrika Freiwillige Helfer halten die Lage unter Kontrolle

Seit Anfang Jahr sind in Italien 93'000 Bootsflüchtlinge gelandet, doch die Lage an der Schweizer Südgrenze ist ruhig. Die Reportage aus Como zeigt: die Flüchtlinge sind immer noch da.

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Südgrenze: Nach dem Ansturm die Ruhe

Vor einem Jahr hatten 500 gestrandete Flüchtlinge in einer Zeltstadt im Park beim Bahnhof von Como gelebt. Derselbe Park ist heute fein säuberlich gepflegt und menschenleer.

Doch der Schein trügt: In den Unterkünften der Stadt und im neuen Containerdorf sind 1500 Flüchtlinge untergebracht – gleich viele wie vor einem Jahr. 150 Menschen leben zudem in einer Parkgarage und in einem aufgegebenen Güterbahnschuppen.

Unterkunft im Pfarrhaus

Weitere 70 Gäste haben bei Pfarrer Don Giusto in der Pfarrei San Martino Unterschlupf gefunden. Neun von zehn der hier lebenden Flüchtlinge kommen aus Afrika. Es sind junge Nigerianerinnen, Marokkanerinnen, Eritreerinnen, Männer aus Mali, Senegal, Gambia, Nigeria. Pfarrer Don Giusto führt durch das Pfarrhaus. Dicht an dicht stehen die Etagenbetten, Habseligkeiten sind an den Wänden aufgetürmt.

Anders als im letzten Jahr seien jene Neuankömmlinge selten geworden, die nur weiter wollten Richtung Schweiz, sagt der Padre. Die Schweizer Grenze sei faktisch zu. Die Migranten blieben in Como, seien aber weniger sichtbar als vor einem Jahr.

Damals waren die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge eines der drängendsten Probleme in Como. Ihre Zahl sei gesunken, so Don Giusto. Dafür hat die Stadt ein neues Problem: Migrantinnen aus Nigeria, die zur Prostitution gezwungen werden.

Mann auf einem Rasenplatz vor einer Kirche. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Pfarrer Don Giusto vor seiner Pfarrei San Martino in Como. Hier leben rund 70 Flüchtlinge. Keystone

Nigerianerinnen wie Sklaven behandelt

Dabei handle es sich um «reine Sklaverei», sagt Don Giusto. Mit Ritualen aus dem Juju-Kult würden die Frauen von ihren Besitzern gefügig gemacht und mit Tätowierungen als Leibeigene gebrandmarkt. Sie kämen als Bootsflüchtlinge in Italien an, würden in die Prostitution gezwungen oder von Menschenhändler-Organisationen ins Ausland geschafft.

Zielländer könnten Frankreich oder Deutschland sein. Vor wenigen Jahren seien jährlich sechs bis siebenhundert solche Frauen in Italien eingetroffen. Jetzt seien es vermutlich gegen zehntausend Frauen im Jahr, so Don Giusto. Die allermeisten von ihnen sind potenzielle Opfer des Sexgewerbes.

In Como sei der Preis für sexuelle Dienstleistungen um die Hälfte eingebrochen, sagt der Pfarrer. Mit dem Sexgeschäft müssten die Frauen fiktive Schulden abarbeiten. Die Nigerianerinnen seien zum Teil von ihren eigenen Familien verkauft worden. Die Opfer bräuchten Schutz und Distanz von diesem Umfeld.

Schweiz offenbar weniger betroffen

Im Schweizer Empfangszentrum für Asylbewerber in Chiasso stellt man fest, dass trotz anhaltend hoher Flüchtlingszahlen in Italien der Druck auf die Schweizer Grenze nicht so gross sei, wie letztes Jahr. Auch die italienischen Behörden hätten keine schlüssige Erklärung dafür. Denkbar ist, dass Italien die neu ankommenden Migranten fast lückenlos registriert und dass diese Menschen nach einer allfälligen Weiterreise in Drittländer rasch nach Italien zurückgeschafft werden.

Auf die nigerianischen Frauen in Como angesprochen, sagt die Direktorin des Empfangszentrums in Chiasso, Micaela Crippa, dass in der Schweiz keine Zunahme solcher Fälle feststellbar sei. Und für alle Fälle verfüge das Staatssekretariat für Migration über spezifisch ausgebildetes Personal, das mögliche Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel auf besondere Weise behandeln könne. Von einem wachsenden Problem kann Crippa nicht berichten.
Eine Person flechtet die Haare einer am Boden kauernden Frau. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Haare flechten: Etwas, das die Nigerianerinnen in der Pfarrei San Martino sehr gut können. Keystone

Ohne freiwillige Helfer geht nichts

Bei der Betreuung der Flüchtlinge wird Don Giusto von Freiwilligen unterstützt. Da ist zum Beispiel Sabri Schumacher. Sie kommt aus der Schweiz und engagiert sich in ihren Ferien für die Geflohenen. Das Wichtigste ist, den Frauen aus Nigeria im Alltag eine Struktur zu geben, sagt sie. «Wenn sie nicht beschäftigt sind, kommt alles in ihnen hoch.»

Die Mittel fehlen, alles hängt davon ab, was Freiwillige geben können: Zuhören. Da Sein. Man müsse den Frauen das Gefühl geben, dass man an sie glaube, und dass sie auch andere Fähigkeiten hätten, betont die Schweizerin.

Viele Helfer sind da – und betreuen die Flüchtlinge freiwillig und ohne Verdienst. Ihre Arbeit ist unbezahlbar. Und das ist der unsichtbare Teil, der das Asylproblem von Como ausmacht – jetzt, da niemand mehr im Park übernachten muss.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 26.08.2016 22:25

    Arena
    Arena: An der Südgrenze

    26.08.2016 22:25

    Sie sitzen seit Wochen in Como fest. Sie sind gestrandet an der Schweizer Grenze. Und hoffen noch immer auf die Reise in den Norden. Wie geht die Schweiz mit den Flüchtlingen um? Stimmen die Vorwürfe, dass die Südgrenze kaum mehr passierbar ist? Und was sind die Anliegen des Tessins?