«Für den Westbalkan gibt es keine Alternative zur EU»

Schöne Worte reichen nicht mehr. Nach dem Brexit müsse sich Brüssel besonders um die verunsicherten beitrittswilligen Staaten kümmern, sagt der langjährige SRF-Südosteuropa-Korrespondent Walter Müller vor der dritten Westbalkan-Konferenz.

Trotz Brexit: Serbien, Montenegro, Macedonien, Bosnien, Kosovo und Albanien wollen in die EU. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Neue Sterne: Serbien, Montenegro, Mazedonien, Bosnien, Kosovo und Albanien wollen in die EU. Keystone/Archiv

Langjährige EU-Mitglieder verlieren zum Teil die Lust am gemeinsamen Weg, wie der Brexit zeigt. Doch es gibt nach Slowenien und Kroatien noch einige Länder, die viel für einen Beitritt geben würden. Heute haben Frankreich und Deutschland die früheren Teilrepubliken Jugoslawiens nach Paris geladen, um sie bei Laune zu halten. Das Versprechen der Union ist schon 13 Jahre alt, erinnert der langjährige Südosteuropa-Korrespondenten Walter Müller in Belgrad.

SRF News: Können die Westbalkanstaaten in Paris mehr erwarten als schöne Worte?

Walter Müller: Das ist zu hoffen an der dritten Westbalkan-Konferenz. Die beiden vorigen Treffen in Berlin und Wien wurden als «Schönwetterkonferenzen» abgetan. Heute ist die Lage anders. Beschlüsse der letzten Konferenz sollen nun überprüft werden und ein Werk für Jugendaustausch unter den Westbalkan-Staaten wird gegründet. Das jetzige Treffen ist für die Westbalkan-Staaten besonders wichtig, denn die Nachbarschaftsverhältnisse sind angespannt bis gestört. Alle sind zudem verunsichert über den Austritt Grossbritanniens aus der EU.

Die Verhandlungen mit Serbien sind nicht fristgerecht eröffnet worden. Was ist der Grund?

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Walter Müller

Walter Müller

Walter Müller war von 1995 bis 2001 Produzent beim «Echo der Zeit». Danach bis zu seiner Pensionierung 2015 Südosteuropa-Korrespondent auf dem Balkan. Seither berichtet Müller für Radio SRF als freier Mitarbeiter aus der serbischen Hauptstadt Belgrad.

Die offizielle Begründung aus Brüssel letzte Woche lautete, dass es wegen dem Brexit und dem Widerstand des Neumitglieds Kroatien technische Probleme gebe. So erhebt Kroatien Einspruch gegen ein Gesetz, mit dem Serbien mutmassliche Kriegsverbrecher auch in anderen Staaten verfolgen will. Kroatien ist dagegen und blockiert deshalb die Eröffnung der Verhandlungen über die ersten beiden Kapitel.

Warum geht es mit Bosnien nicht vorwärts?

In Bosnien blockieren sich die Volksgruppen der Serben, Kroaten und der muslimischen Bosniaken weiterhin gegenseitig. Bosnien-Herzegowina hat bei der EU wohl ein Beitrittsgesuch gestellt und sich zu Reformen verpflichtet, kann aber nur als Gesamtstaat der EU beitreten und sollte deshalb mit einer Stimme verhandeln. Wie sie das tun wollen, haben die Regierungspolitiker aller Volksgruppen noch nicht herausgefunden.

Wollen die Menschen nach Brexit überhaupt noch in die EU?

Die Verunsicherung in der Bevölkerung wird tatsächlich immer grösser. Die EU ist nicht mehr der Leuchtturm. In Serbien beispielsweise glaubt bereits jeder Fünfte, dass die EU auseinanderfallen wird. Deshalb werden nationalistische und pro-russische Kräfte immer stärker. Russland nimmt auf dem ganzen Balkan Einfluss und versucht, von der Verunsicherung zu profitieren.

Was wäre die Alternative für die Region, wenn nicht der EU-Beitrit?

Zum EU-Beitritt gibt es schlicht keine Alternative. Ohne die Beitrittskriterien der EU sind die Westbalkan-Staaten zu Reformen nicht fähig. Da könnte auch Russland nicht mithelfen. Aber der EU-Beitritt ist auch keine Einbahnstrasse, gehört doch der Westbalkan zu Europa und ist nicht eine unbekannte Insel im Irgendwo. Menschen aus dem Balkan leben in ganz Europa. Deshalb muss sich auch die EU um ihre Beitrittskandidaten kümmern – besonders nach dem Brexit.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.