Gewaltprotest in Belfast verliert an Wucht

Die sechste Nacht in Folge sind im nordirischen Belfast pro-britische Demonstranten und Polizeikräfte aneinander geraten. Allerdings konnten die Beamten dieses Mal auf den Einsatz schwerer Mittel verzichten. Heute soll die umstrittene britische Flagge auf dem Rathaus wieder gehisst werden.

Mit Transparent-Tafeln blockierte Strasse in der Nacht. Polizisten mit Schlagstöcken kontrollieren die Situation. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Laut Beobachtern sind die Krawallanten Belfasts oft Jugendliche oder in einigen Fällen sogar Kinder. Reuters

Seit bald einer Woche dauern die Krawalle im nordirischen Belfast an. Vor allem der vornehmlich protestantische Osten der Stadt wurde wieder Schauplatz von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen pro-britischen Demonstranten und Polizeikräften.

Die oft jugendlichen Krawallanten attackierten die Einsatzkräfte mit Brandsätzen, Feuerwerkskörpern, Flaschen und Steinen.

Mehr als 60 verletzte Beamte

Der Polizei gelang es anders als in der Nacht zuvor, die Menge ohne den Einsatz von Wasserwerfern oder Gummigeschossen weitgehend in Schach zu halten. Es gab zunächst keine Berichte über mögliche Verletzte.

Die gewaltsamen Proteste hatten am Donnerstag letzter Woche eingesetzt. Seither wurden nach Angaben der Polizei bereits mehr als 60 Beamte verletzt und mehr als hundert Demonstranten festgenommen.

Zeichen der Identität bewahren

In dem Konflikt geht es um einen Beschluss des Stadtrates. Dieser lässt die britische Flagge nicht mehr jeden Tag über dem Rathaus wehen, sondern nur noch zu besonderen Anlässen. Dagegen wehren sich pro-britische Protestanten. Sie sehen darin ein zu grosses Zugeständnis an die nach einem vereinten Irland strebenden katholischen Republikaner.

Der in Dublin stationierte SRF-Korrespondent Martin Alioth streicht in seiner Einschätzung in der «Tagesschau» vom Dienstag den soziologischen Aspekt des Flaggenstreits heraus. In einem geteilten Lebensraum seien Symbole wie eben Landesflaggen ein gängiges Instrument zur Stabilisierung der eigenen Identität.

Video ««Tagesschau» 8.1.: SRF-Korrespondent Martin Alioth zur Bedeutung des Flaggenstreits.» abspielen

«Tagesschau» 8.1.: SRF-Korrespondent Martin Alioth zur Bedeutu...

2:03 min, aus Tagesschau vom 8.1.2013

Zudem hält es Alioth für eher unwahrscheinlich, dass die Proteste von paramilitärischen Organisationen wie der UVF (Ulster Volunteer Force) orchestriert werden. Vielmehr würden Socialmedia-Netzwerke wie Twitter und Facebook eine Rolle spielen. Dies zeige sich auch an den zum Teil sehr jungen Krawall-Teilnehmern, sagte Alioth.

Kein Ende abzusehen

Dass die Proteste rasch wieder abflauen, ist eher unwahrscheinlich – unabhängig davon, wer sie steuert. Vielmehr rechnen die Sicherheitskräfte für heute mit weiteren Ausschreitungen. Dann nämlich soll die britische Flagge zu Ehren des Geburtstages von Herzogin Kate, der Ehefrau von Prinz William, erstmals seit dem Beschluss wieder über dem Rathaus wehen.

In der folgenden Grafik sehen Sie wichtige historische Daten des Konfliktes um Nordirland.