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Archaischer Brauch in Nepal Hausverbot während der Periode wird strafbar

Ein neues Gesetz soll dafür sorgen, dass nepalesische Frauen während der Menstruation nicht mehr ausgesperrt werden. Journalistin Britta Petersen erklärt, weshalb sich solch archaische Bräuche in dem Land so lange halten.

Legende: Audio Nepal: Gesetz gegen Verbannung von Frauen während Menstruation abspielen. Laufzeit 8:33 Minuten.
8:33 min, aus SRF 4 News aktuell vom 11.08.2017.
  • In Nepal wird ein jahrhundertealter Brauch unter Strafe gestellt: Der Brauch, Frauen während ihrer Menstruation aus dem Haus zu verbannen.
  • Wegen dieses Brauchs sind schon viele Frauen, aber auch Neugeborene gestorben; etwa an Unterkühlung, Rauchvergiftung oder Schlangenbissen.
  • Das Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, das eine Haftstrafe und eine Busse vorsieht.

SRF News: Der Brauch ist schon seit einem Entscheid des Obersten Gerichts vor über zehn Jahren illegal. Warum nun trotzdem ein Gesetz?

Britta Petersen: Das ist ein juristisches Problem. Eine Rechtsprechung, die zwar vorsieht, dass eine Praxis illegal ist, aber die Zuwiderhandlung nicht sanktionieren kann, ist vollkommen zahnlos. Man stelle sich vor, bewaffnete Raubüberfälle wären illegal, könnten aber nicht bestraft werden. Dann wäre es unmöglich, diese zu unterbinden. So war es in Nepal bisher mit diesem Brauch.

Können Sie diesen Brauch genauer beschreiben?

Das Taopaki, das vor allem im Westen Nepals praktiziert wird, ist ein patriarchaler Brauch. Es wird manchmal behauptet, es wäre ein Hindu-Brauch, aber er ähnelt vielen Bräuchen weltweit, die die Menstruation tabuisieren, und dürfte deshalb erheblich älter sein als der Hinduismus. Frauen werden ausserhalb des Hauses untergebracht, oft müssen sie diese Zeit des Monats in Kuhställen verbringen. Das bringt jede Menge Probleme mit sich. Die Frauen dürfen – als kleine Grausamkeit, die Teil des Brauchs ist – keine warmen Decken mitnehmen.

Die Frauen dürfen – als kleine Grausamkeit, die Teil des Brauchs ist – keine warmen Decken mitnehmen.

Sie müssen in irgendwelchen Hütten übernachten. Wenn sie ein Feuer machen, ersticken sie am Rauch in der Hütte. Wenn sie kein Feuer machen, erfrieren sie. Es gibt Insekten, wilde Tiere. Häufig gilt diese Praxis auch für Frauen im Wochenbett. Dann sind auch ganz kleine Kinder der Situation ausgesetzt. Es kam auch schon vor, dass diese Kinder starben. Eine Praxis also, die eine sehr grosse Auswirkung auf die physische und psychische Gesundheit der Frauen hat.

Der Brauch wird vor allem in ländlichen Gebieten praktiziert. Kann dieses Gesetz dort überhaupt eine Veränderung bewirken?

Das Gesetz allein sicher nicht. In diesen Regionen können die Leute oft nicht einmal lesen und schreiben. Diese Praktiken werden über Jahrhunderte tradiert und die Leute sind der Meinung, dass der Brauch gut und richtig ist, weil Frauen, die ihre Tage haben, als unrein gelten. Das heisst, die einzige Möglichkeit, die man bei der Umsetzung dieses Gesetzes hat, sind flankierende Massnahmen.

Es geht darum, aufzuzeigen, dass die Unreinheit, die mit der Periode assoziiert wird, ein Aberglaube ist.

Hilfs-, UNO- und auch staatliche Organisationen müssen in die Dörfer gehen und die Leute darüber aufklären, was während der Menstruation medizinisch überhaupt passiert und was das Beste wäre für die Frauen. Das ist schwierig, weil dies gegen religiöse Autoritäten durchgesetzt werden muss. Es geht darum, aufzuzeigen, dass diese Unreinheit, die mit der Periode assoziiert wird, ein Aberglaube ist und im Grunde herzlich wenig mit Religion zu tun hat.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

Zur Person

Britta Petersen ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Sie lebt in Neu-Delhi, Indien. Sie berät einen Thinktank zum indisch-europäischen Verhältnis.

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21 Kommentare

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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    "Glauben tut jeder. Auch Atheisten. Die glauben, dass es keine höhere Macht gibt" Falsch, Planta+Wüstner! Ein Atheist/Agnostiker hält sich an seine Erfahrungen und an seine 7 Sinne. Er verschwendet keine Zeit für Dinge, die keiner beweisen kann. Es gibt hier auf Erden viel zu tun! Gäbe es einen Gott, er würde sich die Haare raufen, wüsste er, was die Menschheit in seinem Namen Übles anrichtet. Wir erfahren dann bei unserem Tod noch früh genug, ob und wie es danach weiter geht oder auch nicht.
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    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Ein Atheist und ein Agnostiker sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Der Atheist glaubt, es gebe keine höhere Macht, der Agnostiker sagt man wisse es nicht. Recht hat der Agnostiker.Er ist auch der Einzige, der an nichts glaubt.
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    2. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      Man kann nicht an etwas glauben, wovon man weiss, dass es das nicht gibt. Aber es stimmt, Agnostiker lassen es offen. Wenn es aber einen Gott gibt, muss ihm der Atheismus und erst recht der Agnostizismus als eine weitaus geringere Beleidigung vorkommen als jede Religion.
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    3. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      A.Planta, man kann nicht an etwas glauben, wovon man weiss, dass es das nicht gibt. Aber es stimmt, Agnostiker lassen es offen. Wenn es aber einen Gott gibt, muss ihm der Atheismus und erst recht der Agnostizismus als eine weitaus geringere Beleidigung vorkommen als jede Religion.
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Auch die Verweigerung des Händedrucks hat mit diesem Aberglauben tun. Menstruierende Frauen sind in Augen strenggläubiger Moslems unrein. Und weil sie zum Pflichtgebet rituell rein sein sollten, aber nicht wissen, wann eine Frau ihre Tage hat, geben sie grundsätzlich die Hand nicht. Es ist mir unerklärlich, wieso uvam diese Frauen diskriminierende Sitte, dieser abergläubische, archaische Ballast im aufgeklärten Westen noch immer unter Glaubensfreiheit toleriert wird, werden muss.
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    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden
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    2. Antwort von Thomas Steiner (Thomas Steiner)
      Dieser Brauch des Ausschliessens ist auch im Christentum verbreitet, zB bei nicht wenigen Teaparty-Anhängern.
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  • Kommentar von Beatrice Mayer (signorinetta)
    Da ist es doch ein Trost , zu wissen, dass nicht weit von hier Unisextoiletten und anderer Luxus entsteht die die unzähligen Geschlechter, die es geben soll, so als Ausgleich zu dieser Barbarei.
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