Lawinenunglück in Italien Helfer geben auch am Tag 5 noch nicht auf

Retter suchen beim verschütteten Hotel in den Abruzzen nach weiteren Überlebenden. Lebenszeichen hätten sie zwar keine mehr erhalten, trotzdem gebe es noch Hoffnung, sagt Rudolf Pollinger vom Südtiroler Bevölkerungsschutz. Er hat 50 Helfer vor Ort.

SRF News: Gibt es sechs Tage nach dem Unglück überhaupt noch Hoffnung, Lebende zu bergen?

Rudolf Pollinger: Die Einsatzkräfte hoffen es, weil sie einen Teil des Hotelkomplexes noch nicht erreicht haben. Falls es dort noch grössere Hohlräume gibt, rechnen wir mit Überlebenschancen. Wir müssen jetzt alles unternehmen, um diese Bereiche zu erreichen. Aber das ist sehr aufwändig und schwierig. Das Hotel ist entlegen und die Strasse dorthin schmal. Deshalb ist es auch schwierig, schweres Räumungsmaterial dorthin zu bringen.

Beim Rettungseinsatz werden Dampfsonden eingesetzt. Wie funktionieren sie?

Es sind Geräte, mit denen man Schneemassen und Eis durchdringen und untersuchen kann, was sich darunter befindet. Das erspart den Einsatzkräften aufwändige Grabungsarbeiten. Sie müssen sich vorstellen: Es sind über 100‘000 Kubikmeter Schnee auf das Hotel gestürzt und haben es zum Teil zerstört. Die Trümmer sind unter grossen Schneemassen begraben. Es wäre ein riesengrosser Aufwand, den Schnee von Hand zu räumen. Mit den Dampfsonden kann man viel präziser suchen als mit den herkömmlichen Sonden. Man dringt damit durch den Schnee und kann so grosse Hindernisse wie Beton oder Holz erkennen. Stösst man auf ein solches Hindernis, wird eine Kamera durch den Sondierungskanal gelassen, um abzuklären, worum es sich handelt. Wenn man beispielsweise Hohlräume findet, kann man durch den Kanal mit Schläuchen Frischluft zuführen.

22 Menschen noch vermisst

Die durch eine Erdbebenserie ausgelöste Lawine hatte am Mittwoch das Berghotel Rigopiano am Fusse des Gran-Sasso-Massivs in den Abruzzen verschüttet und grosse Teile davon mitgerissen. Bisher konnten neun Opfer lebend geborgen werden. Bei
zehn Menschen kam die Hilfe zu spät. 22 Menschen werden noch vermisst. Schnee, Kälte und dichter Nebel erschweren die Rettungsarbeiten.

Das Südtiroler Rettungsteam leistet nicht nur Hilfe direkt beim Hotel. Was tun Ihre Leute sonst noch alles?

Wir sind mit den meisten Leuten bei der Schneeräumung im Einsatz. Das Gebiet ist etwa so gross wie der Kanton Graubünden und es liegt stellenweise zweieinhalb Meter Schnee. Zudem ist die Siedlungsstruktur in dieser Region sehr kompliziert. Die Dörfer befinden sich auf dem Talboden und in der Höhe gibt es viele Einzelsiedlungen, die über ein riesiges Netz von kleinen Bergstrassen miteinander verbunden sind. Im Südtirol haben wir schweres Räumgerät, etwa grosse Schneefräsen. Mit denen kämpfen wir uns zu den Einzelsiedlungen rund um den Gran Sasso hin, wo die Leute seit fünf Tagen von der Umwelt abgeschlossen sind. Sie haben keine Strassenverbindungen, aber vor allem gibt es auch grosse Probleme mit der Energieversorgung.

Welches Fazit ziehen Sie aus der bisherigen Arbeit?

Unsere Rettungskräfte sind mit ihrem schweren Gerät absolut willkommen, weil es das einzige ist, was wirklich wirkt. Es war daher richtig, diese Leute dorthin zu schicken. Wegen dieser Siedlungsstruktur kann natürlich nur wenig Gerät einsetzen. Ich zumindest bin mit den Arbeiten zufrieden. Meine Leute arbeiten quasi rund um die Uhr. Wenn man so arbeitet, muss man die Rettungskräfte natürlich nach fünf Tagen austauschen. Wir haben jetzt bis Donnerstag wieder eine gleich starke Truppe vor Ort. Und sehen dann weiter, ob wir den Einsatz verlängern müssen.

Das Gespräch führte Simone Weber.