Holocaust-Karikaturen: «Aussteller wollen Ruhani diskreditieren»

Sie haben ihr Ziel bereits erreicht: Iranische Hardliner wollten mit «Holocaust-Karikaturen» dem Ansehen der Regierung im Ausland schaden. Verbieten kann Irans Präsident Hassan Ruhani die Ausstellung in einem Kulturzentrum in Teheran nicht, wie ARD-Korrespondent Reinhard Baumgarten sagt.

Irans Präsident Hassan Ruhani in einer Aufnahme von hinten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hat sich von den Karikaturen distanziert: Irans Präsident Hassan Ruhani. Keystone/Archiv

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Reinhard Baumgarten

Porträt von Reinhard Baumgarten

ZVG

Reinhard Baumgarten ist langjähriger Nahost-Korrespondent der ARD in Istanbul. Der Islamwissenschaftler hat zahlreiche Publikationen über die Region veröffentlicht.

SRF News: Weshalb diese Ausstellung in Teheran?

Reinhard Baumgarten: Die Ausstellung hat zwei Ziele. Einerseits wollen die Aussteller damit die Regierung diskreditieren: Der neue Präsident Hassan Ruhani hat deutlich gemacht, dass Iran sich mit der Welt versöhnen will. Die Ausstellung signalisiert nun aber, dass Iran nichts dazugelernt habe und immer noch den Holocaust leugne. Andererseits geht es den Ausstellern darum, eine mutmassliche Verbindung zwischen den Verbrechen der Nazis und dem Verhalten Israels gegenüber den Palästinensern herzustellen.

Geht es den Ausstellern auch um internationale Aufmerksamkeit?

Nein, es geht ihnen wirklich in erster Linie darum, die Regierung Ruhani zu diskreditieren. Das hat bereits funktioniert: Israel reagierte prompt und sagte, Iran habe sich nicht geändert und die ganze Ausstellung sei antisemitisch. Besucher vor Ort sehen das anders. Ich habe nur die Karikaturen gesehen, die explizit auf den Holocaust und Nazideutschland anspielen. Das waren gerade mal fünf oder sechs von insgesamt 150 Zeichnungen. Die meisten Karikaturen versuchen das Schicksal der Palästinenser darzustellen und der sogenannten Nakba (Katastrophe) zu gedenken.

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Die Nakba

Die Ausstellung fällt mit der von den Palästinensern begangenen Veranstaltungen zum Gedenken an die Nakba (Katastrophe) am vergangenen Sonntag zusammen. Damit erinnern sie an Vertreibung und Flucht von rund 760'000 Landsleuten, die 1948 auf die Gründung des Staats Israel folgte.

Können Sie ein Beispiel einer Karikatur geben, die explizit versucht, eine Verbindung zwischen dem Holocaust und der Nakba herzustellen?

Auf einer Zeichnung liegt beispielsweise ein Soldat hinter einem Grabstein, auf dem «Holocaust» geschrieben steht. Er schiesst auf ein kleines Kind. Die Karikatur will aussagen, dass sich Israel zwar hinter dem Holocaust verbergt, letztlich aber nichts anderes macht, als ebenfalls Menschen töten. Auf einer anderen Zeichnung ist die Mauer zu sehen, die das Westjordanland und das israelische Kernland trennt. Darüber steht das Emblem von Auschwitz mit der Aufschrift «Arbeit macht frei».

«  Israel sagte, Iran habe sich nicht geändert und die ganze Ausstellung sei antisemitisch. Besucher sehen das anders. »

Die Veranstalter der Ausstellung sprechen von einem Neo-Holocaust Israels an den Palästinenser. Das klingt nach historischem Revisionismus.

Die Ausstellung ist ein politischer Versuch, das geschichtliche Sonderereignis des Holocausts zu verwenden, um zu sagen, dass sich Israel mit Blick auf die Palästinenser ähnlich verhalte, wie die Nazis mit den Juden. Diese Aussage hält natürlich keinem Vergleich stand. Nicht nur wegen der nackten Zahlen sondern auch wegen der Systematik, mit der die Nazis Juden und andere Menschen im Dritten Reich verfolgt und umgebracht haben.

Hören Sie hier das ganze Gespräch mit Baumgarten

5:05 min, aus SRF 4 News aktuell vom 12.12.2017

Präsident Ruhani hat sich klar von seinem Vorgänger Mahmud Ahmadinedschad, einem bekennenden Holocaust-Leugner, distanziert. Weshalb lässt er die Ausstellung nicht einfach verbieten?

Die Regierung Ruhanis unterstützt die Ausstellung nicht. Sie zu verbieten ist aber nicht so einfach. In Iran sind die Machtverhältnisse nicht so, dass der Präsident ein Dekret veröffentlichen kann und die Ausstellung nicht stattfindet. Es sind Hardliner, welche die Ausstellung ausrichten. Sie haben deutlich gemacht, dass sie gegen das Atomabkommen und jegliche andere Annäherung an den Westen sind. Viele iranische Künstler blieben der Ausstellung übrigens fern.

Israels Präsident Netanjahu reagiert

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich zu dem «besonderen Karikaturen-Wettbewerb im Iran, der den Holocaust leugnet» geäussert. Er warf Iran vor, einen neuen Holocaust vorzubereiten. Teheran wolle die Bedeutung des Massenmords an den Juden schmälern. «Ich denke, jedes Land der Welt muss dagegen Stellung beziehen und dies verurteilen», sagte er.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.